Filmkritik | Die Chroniken von Erdsee (Japan, 2006)

Die Chroniken von ErdseeDie inzwischen über 80jährige Ursula Le Guin ist für ihre Fantasy-Romane bekannt, von denen ihre brühmtesten die Erdsee-Bücher sein dürften. Ursprünglich eine Trilogie, ist die Reihe inzwischen auf sechs Bände angewachsen. Nachdem Le Guin in den 80er-Jahren eine Animé-Verfilmung durch die japanischen Ghibli-Studios ablehnte, gab sie im neuen Jahrtausend doch noch ihr Okay. Und so machte sich Goro Miyazaki, Sohn des berühmten Animateurs und Aushängeschild der Ghibli-Studios Hayao Miyazaki, daran, Teil 3 der Erdsee-Saga (d.h. das Buch Die fernen Ufer) als sein Erstlingswerk zu verfilmen. Herausgekommen ist also der Animé-Film Die Chroniken von Erdsee, über den Le Guin letztendlich nicht glücklich war—und das ist verständlich.

Der zweistündige Spielfilm verarbeitet die Handlung aus dem dritten Buch der Erdsee-Reihe und lässt so vieles, wie etwa die Ausbildung des Erzmagiers Sperber und diverse Abenteuer, außen vor. Im Film ist Sperber längst ein gereifter Mann, mit einem großen Auftrag. Denn seit Neuestem geschehen merkwürdige Dinge in der Welt Erdsee. Nicht nur zerfleischen sich sonst friedlich zusammenlebende Drachen, auch Nutztier stirbt, Magie verliert an Kraft und Menschen verelenden. Die Welt droht immer mehr ihre Balance zu verlieren und Sperber will der Ursache auf den Grund gehen. Zur gleichen Zeit tötet der siebzehnjährige Prinz Arren scheinbar grundlos seinen Vater, den gütigen König von Enlad, und flieht. Sperber nimmt ihn als seinen Gefährten auf, rettet ihn vor Sklavenhändlern und findet mit dem inzwischen selbst zum kleinen Helden mutierten Arren Unterschlupf bei der alten Freundin Tenar. Die wohnt abgeschieden auf einer kleinen Farm und kümmert sich um die junge Therru, die sich auch schon von Arren retten ließ. Auf der Flucht vor seinem dunklen Schatten gerät Arren jedoch bald in die Hände des bösen Magiers Lord Cob, und das alles nur, weil Lord Cob ausgerechnet Sperber zu sich in die Burg locken will. Warum, wird erst klar, als es fast schon zu spät ist.

Fans der Bücher dürfte es vermutlich die Zehennägel aufrollen, wenn sie sehen, wie weit man sich bei Die Chroniken von Erdsee vom Original entfernt hat. Trotzdem sind die fleißigen Leser klar im Vorteil. Denn Goro Miyazaki hält sich nicht mit Hintergrundgeschichten oder großen Erklärungen auf. Warum hat alles und jeder einen wahren Namen? Warum tötet Arren seinen Vater? Was hat es mit den düsteren Schatten auf sich? Und was für einen Zusammenhang haben Sperber und Tenar denn nun genau? Die Leser wissen mehr, obwohl ich—die die Bücher zu einer Zeit gelesen hat, als sie noch als Trilogie in den Auslagen lagen—mich selbst kaum noch an Details erinnern kann. Aus diesem Grund bin ich dann über so manche Stellen gestolpert, die auch jene, welche die Bücher nicht gelesen haben, im Unklaren lassen. Den Zuschauer so in der Luft hängen zu lassen ist übel und steigert nicht gerade das Sehvergnügen.

Auch dass der zweistündige Spielfilm eigentlich kaum an Handlung vorzuweisen hat, entpuppt sich im Nachhinein als Ärgernis. Dabei hätte der düstere Lord Cob in Frauengestalt so viel Potential gehabt, aus dem Film ein dunkles Fantasy-Epos mit infernalem Finale zu machen. Zumindest würde man das erwarten, wenn sich Drachen schon als schlechte Omen gegenseitig in der Luft zerreißen und böse Magier das Tor zwischen dem Reich der Lebenden und der Toten aufstoßen wollen. Lord Cob wird aber erst spät im Film wichtig und bis dahin muss man sich damit begnügen, Sperbers und Arrens handlungsarme Reise irgendwohin zu verfolgen.

Völlig Ghibli-untypisch ist außerdem die Charakterzeichnung der Figuren. Wo Ghibli sonst für ausgefeilte Charaktere mit Tiefe und Entwicklungspotential steht, bleiben die Figuren hier extrem flach und oberflächlich. Sperber, obwohl eine zentrale Figur im Film, mutet wie ein namenloser Statist an. Dass er ein respektabler Erzmagier ist, ist völlig verschenkt, da er kaum durch besondere Fähigkeiten oder Taten glänzt. Auch Arren, heimliche Hauptfigur, ist so ein blasses Bürschchen. Da man auch nie richtig nachvollziehen kann, weshalb er denn nun seinen Vater getötet hat, bleibt er unnahbar und mit seiner Angst vorm Leben und dem Tod nicht unbedingt jemand, dem man gern bei irgendwas zusieht. Außer einmal den Helden zu spielen, um die kleine Therru aus den Klauen bösartiger Sklavenhändler zu befreien, und natürlich um am Schluss die Welt zu retten, tut er eigentlich auch kaum was anderes als schlafen, leiden und ganz schön emo zu sein. Hexe Tenar ist eine völlig verschenkte Rolle und hätte auch in jedes idyllische Heimatfilmchen gut gepasst. Selbiges gilt für die schüchterne Therru, die sich scheinbar grundlos zur mutigen besten Freundin Arrens wandelt. Und während die mit den Zauberkräften (Sperber, Tenar) als hilflose Erwachsene in einem Verlies hocken, ist es zuletzt an den Kindern, alle zu retten. Und zwar nicht durch Magie, sondern mit Gewalt. Wobei es völlig hanebüchen ist, dass der junge Prinz Arren, nach dem übrigens nie jemand sucht, den auch niemand erkennt, der sich erstaunlich schnell im echten Leben des Pöbels voll harter Arbeit und düsterer Gesellen zurecht findet und obendrein überhaupt nicht mit einem Schwert umgehen kann, dann ausgerechnet mit einem eigensinnigen Schwert und noch dazu gegen einen bösen schwarzen Magier gleich so einen Endkampf abliefert wie hier.

Zumindest am Zeichenstil gibt es kaum etwas zu mäkeln. Der ist Ghibli-mäßig sehr solide und keinesfalls schlampig ausgearbeitet, wenn andere Ghibli-Filme auch durch liebevollere Details glänzen als hier. Die Menschen wie das Setting sind dabei sehr westlich gehalten, was ihre Gesichter aber auch die Fachwerkbauten anbelangt. Schöne Landschaftsbilder sowie fantasievolle Tiere und Kostüme runden das Werk optisch ab. Trotzdem kann Die Chroniken von Erdsee auch zeichnerisch nicht ganz mit den großen Ghibli-Produktionen mithalten. Immerhin passt die Musik perfekt zur Fantasy-Atmosphäre des Animé.

Le Guin war ja bekanntlich mit keiner Adaption ihrer Werke so richtig zufrieden. Dass sie sich über die Animé-Fassung Die Chroniken von Erdsee nicht freuen konnte, ist mehr als nachvollziehbar. Einerseits bewegte man sich stark von der Vorlage weg, andererseits erzählte man die Handlung zu kryptisch, belanglos und oberflächlich. Von Ghibli ist man so nachlässige Arbeit eigentlich nicht gewohnt. Platte Charaktere ohne Sympathiewerte, verschenkte Szenarien und ein Plotverlauf, der völlig danebengeht, bilden einfach keinen guten Film. Animé-Fans können zwar trotzdem reinschauen und sich einigermaßen von Die Chroniken von Erdsee unterhalten lassen, richtig gut ist der Film aber zu keiner Zeit. Schade um all das Potential, das hier so gleichgültig verschenkt wurde. Hoffentlich lernt Hayao Miyazakis Sohn als Filmemacher schnell dazu und wagt sich für die nächsten Projekte erst mal an Filme, die ein paar Nummern kleiner sind, und nicht an ein Fantasy-Epos, mit dessen Verfilmung vermutlich auch die ganz großen Regisseure so ihre Schwierigkeiten hätten.

© Shaoshi, 19. Juni 2011
4/10

ゲド戦記 | Gedo Senki
Japan • 2006 • 110 Min. • FSK 6 • Fantasy [Animé]
Regie | Goro Miyazaki

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Cover-Quelle: movie.douban.com

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