Filmkritik | An Orphan (China, 1929)

Dieser Artikel ist Teil unserer Serie Retrospektive | Der frühe chinesische Film.


An OrphanEnde der 20er Jahre hatte sich das Medium Film in der Filmmetropole Shanghai bestens etabliert. Gerade boomte außerdem das Martial-Arts-Genre, in dem oft schlagkräftige Frauen, die so genannten nüxia, die Hauptrollen bekleideten. Regisseur Zhang Huimin hatte sich diesen Hype zunutze gemacht und zusammen mit seinem Bruder 1926 das Huaju-Studio gegründet, das sich ganz auf Actionfilme spezialisiert hatte. Zum festen Ensemble gehörte eine der bekanntesten Actionheldinnen der 20er und 30er Jahre, nämlich Wu Suxin, die unter ihrem internationalen Künstlernamen White Rose Woo oft nicht nur vor sondern auch hinter der Kamera, z.B. als Regieassistenz, brillierte. Diese moderne Stellung der Frau im Filmgewerbe war in dieser Zeit gar nicht unüblich. Ungwöhnlicher ist da schon die Tatsache, dass Zhang Huimin und Wu Suxin 1929 einen Film drehten, der so gar nicht in ihr sonstiges Schema passte. Obwohl An Orphan am Schluss mit einer Actionszene aufwarten kann, ist der Stummfilm eher ein Drama, erzählt er doch die leidenvolle Geschichte einer schwachen Frau, ausgerechnet verkörpert von Wu Suxin.

Chun Mei (Wu Suxin) wird gegen ihren Willen an den hässlichen, ungehobelten Wei Lan Kun zwangsverheiratet. Nachts kann sie sich ihm immerhin körperlich verwehren. Allerdings hat sie es auch tagsüber nicht leichter, macht ihr doch nicht nur die Konkubine (Lee Hong Hong) ihres Schwiegervaters das Leben schwer. Völlig verzweifelt nimmt Chun Mei eines Tages Reißaus, um Selbstmord zu begehen. Dies kann Yang Ta Ping (Zhang Huimin), der zufällig mit seinem Auto vorbeikommt, gerade noch verhindern. Er ist ein junger Mann aus reichem Elternhaus, der westliche Anzüge und selbst zum Zeitungslesen Krawatte trägt. Weil er Mitleid mit der armen Chun Mei hat, nimmt er sie mit zu sich nach Hause, wo sie fortan bereitwillig als Haushälterin arbeitet. Doch auch in der westlich eingerichteten Villa ihres Retters hat sie es nicht einfacher. Von seinen Familienangehörigen wird sie tyrannisiert und als durch ihre Tollpatschigkeit so manches Porzellan zu Bruch geht, hat sie endgültig den Zorn von Yang Ta Pings Vater auf sich gezogen. Halt findet Chun Mei lediglich beim gütigen Yang Ta Ping, doch seit die beiden von der Familie turtelnd im Garten entdeckt wurden, ist ihm der Umgang mit der Haushälterin verboten worden. Als Chun Mei endgültig aus dem Haus gejagt wird, ist Yang Ta Ping fest entschlossen, der armen Chun Mei ein weiteres Mal zu helfen. Sie steckt nämlich bald schon in der nächsten Misere: Frauenheld Chang Hsiao Te (Chiffon John) hat sie nämlich in seine Gewalt gebracht.

Gleich eingangs fällt auf, wie sehr sich An Orphan um Authentizität bemüht. Die traditionelle Hochzeit in einer gut situierten chinesischen Familie wird mit vielen Details zelebriert, genauso wie man später im Haus der Familie Yang einen guten Einblick bekommt, wie reiche Chinesen damals zwischen Tradition und (westlicher) Moderne gelebt haben. Durch all diese Kleinigkeiten wird An Orphan zu einem höchst interessanten Zeitzeugnis, wenn sich der Film schon nicht sonderlich um künstlerischen Anspruch bemüht. Die Kamera ist wie bei Filmen dieses Alters gewohnt statisch, achtet nicht auf Bildkompositionen oder ob Köpfe abgeschnitten sind. Der einzige künstlerische Ansatz ist die Szene, in der Yang Ta Pings Mutter und seine Schwester auf einem Grammophon westliche Musik hören, die bildlich durch einen schwarzen Musiker (ein dunkel geschminkter Chinese) dargestellt wird. Dass die Zwischentitel auf Chinesisch und Englisch eingeblendet werden, zeigt außerdem deutlich, dass man hier auf eine internationale Vermarktung geschielt hat.

Wu Suxin gelingt es mit ihrer schwachen Rolle echte Emotionen beim Zuschauer hervorzurufen. Sie stolpert von einer Misere in die nächste – die Zwangsheirat, die herablassende Behandlung durch ihre angeheiratete Familie oder wie sie von der Familie Yang als niederes Geschöpf betrachtet wird. Auch als sie in die Finger von Bösewicht Chang Hiisao Te gerät, zeigt deutlich, dass Frauen damals gern als ein Objekt gesehen wurden, das man sich nehmen konnte, wann immer man gerade Lust dazu hatte. Genau das prangert der Film an und sein Schrei nach Emanzipation war nur einer von vielen in Filmen dieser Zeit. Der schöne Held, der aus heutiger Sicht freilich reichlich platt geraten ist, verkörpert genau diese Forderung. Er sieht die Frau als eigenständiges Wesen, selbst wenn sie nicht einmal seinem Stand entspricht, verliebt sich sogar in sie und begibt sich in Gefahr, um sie zu retten. Die Actionszene zum Höhepunkt des Films hat zwar nichts mit Kung Fu zu tun, da die Schlägereien mehr ein Auf-dem-Boden-Herumwälzen sind, aber ein paar Stunts wie Stürze gibt es allemal zu sehen. Etwas lächerlich wirkt heute allerdings, wie der Held die Bösewichte mit einem Seil außer Gefecht setzt oder wie Chun Mei in ihrem Gefängnis mit zwei Geckos terrorisiert wird. Seine Wirkung verfehlt das allerdings nicht, weiß Wu Suxin die Angst vor den Krabbeltieren doch überzeugend darzustellen und auch ihre Rettung ist heute noch unterhaltsam. Denn trotz aller Tränen oder böswilliger Schläge hat An Orphan auch eine amüsante Seite, was die Botschaft damals vermutlich leichter verdaulich gemacht hat.

Wir haben Glück, dass Zhang Huimin und Wu Suxin An Orphan gedreht haben, denn Actionfilme wurden nur wenige Jahre später von der Regierung verboten bzw. vernichtet, als die ersten Zensurbestimmungen in China praktisch das Ende der Goldenen Ära einleiteten. Folglich existiert heute kaum noch ein solches Werk. Nach dem Krieg flüchtete Wu Suxin übrigens nach Hongkong, aber ihre Karriere als Schauspielerin war damit effektiv beendet. An Orphan ist also eines der ganz wenigen Stücke mit Wu Suxin, die all die Wirren des letzten Jahrhunderts überdauert haben, und stellt somit nicht nur ein interessantes Zeitzeugnis dar, sondern zeigt uns einen Stummfilmstar in Aktion – und wenn schon nicht in ihrer Paraderolle als Actionheldin, doch wenigstens in einer Rolle, die auch aus dem heutigen Zuschauer noch echtes Mitgefühl herauskitzeln kann.

© Shaoshi, 2. Februar 2013

雪中孤雏 | Xue Zhong Gu Chu
China • 1929 • 76 Min • Drama
Alternativtitel | Orphan Bird Among The Snow, The Orphan Of The Storm
Regie | Zhang Huimin
Darsteller | Wu Suxin, Zhang Huimin, Wu Susu, Han Lan Kun, Chiffon John, L.S. Sun, Lee Hong Hong, W.S. Ting

Und wie gefällt Euch der Film?

Cover-Quelle: movie.douban.com

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