Filmkritik | Beijing Rocks (Hongkong, 2001)

Beijing RocksMabel Cheung ist für ihre Gratwanderung zwischen Kommerz und Arthouse-Kino bekannt. Mit Beijing Rocks gelingt ihr dieser Spagat wieder einmal vortrefflich, auch wenn es die Hongkonger Kinogänger nicht zu schätzen wussten. In Hongkong, wo man auf massentaugliche Filme steht, floppte ihr Porträt der Pekinger Indie-Rockszene nämlich trotz Starbesetzung. Dennoch hat Beijing Rocks seine Daseinsberechtigung.

Während der Hongkonger Möchtegernmusiker Michael (Daniel Wu) nach einer Kneipenschlägerei zusammen mit seinem Vater (Richard Ng) in Peking auf die Gerichtsverhandlung wartet, trifft er in einem Pub auf eine Untergrund-Rockband um Sänger Ping Lu (Geng Le). Bald schließt er sich der Truppe an und lernt dabei nicht nur Ping Lus Freundin Yang Yin (Shu Qi) lieben, sondern auch sich selbst besser kennen.

Zusammen mit Michael werden wir an Pekings Untergrundszene herangeführt, auch wenn Mabel Cheung die einzelnen Personen immer wieder in interviewähnlichen Sequenzen zu Wort kommen lässt. Wir lernen ihre Einstellungen kennen, warum sie Musik machen, und erfahren eingangs von Michael, dass er sich eigentlich überhaupt nicht mit dem Leben auf dem Festland identifizieren kann. Auch wenn das auf diese Weise relativ plump rüberkommen mag, gibt es zwischen den Zeilen mehr zu lesen. Dafür ist Mabel Cheung auch bekannt: Gefühle ohne große Worte zu inszenieren. Was einst wunderbar in An Autumn’s Tale geklappt hat, kann sich auch vor der rauen Pekinger Kulisse bestens entfalten. Gerade die Gefühle zwischen Michael und Yang Yin bleiben sehr subtil. Das ist auch gut so. Denn so bekommt die ausgelutschte Dreiecksbeziehung kaum das nervige Gewicht, das ihr in einem kommerzielleren Streifen zuteil geworden wäre. Stattdessen scheint Mabel Cheung dadurch eher die Suche auszudrücken, auf der die drei Hauptfiguren sind. Da ist Michael auf der Suche nach Inspiration, auf dem Weg, seine wenig vertrauten chinesischen Wurzeln kennenzulernen; der zu Rocker Ping Lu aufschaut, aber sich irgendwie auch in dessen Freundin verliebt hat. Da ist Ping Lu, langhaariger Rebell, auf der Suche nach Anerkennung für das, was er tut: seine Musik, sein Lebensstil. Und da ist Yang Yin, Stripperin und Groupie, auf der Suche nach ihrem Platz im Leben.

Dabei dokumentiert Beijing Rocks viel weniger die Pekinger Rockszene als erwartet. Zugunsten der drei Hauptfiguren verschwinden die restlichen Bandmitglieder nämlich ziemlich schnell in den Hintergrund. Das ist schade. Das Flair aber bleibt. Und überhaupt ist die Musik weit weniger wichtig als die Message, die dahintersteht: der Wunsch der chinesischen Jugend, sich nicht mehr nahtlos in die Gesellschaft fügen zu müssen, eigene, andere Wege gehen zu können. Und das inszeniert Mabel Cheung gekonnt und treffsicher. Die Wahl der Darsteller ist ebenfalls gelungen. Shu Qi passt sehr gut als die hin- und hergerissene Yang Yin, die mal mit Ping Lu streitet, sich wieder verträgt, unliebsamen Zeitgenossen eins überbrät und schon mal eine Nacht im Knast verbringen muss. Geng Le passt sowieso perfekt in seine Rolle als langhaariger Rocker. Anders kenne ich ihn auch gar nicht. In dem 1994 entstandenen Independent-Filmchen Dirt spielt er nämlich eine ganz ähnliche Rolle als Musiker, der in den Pekinger Hutongs seine Rocksongs einstudiert. Daniel Wu hat angegeben, dass ihm die Rolle des Michaels wie auf den Leib geschneidert ist. Trotzdem finde ich ihn und seine Figur am austauschbarsten, aber im Laufe der Zeit geht auch er immer mehr in der Geschichte auf.

Beijing Rocks dürfte für all jene interessant sein, die bis jetzt immer glaubten, in China spiele man nur kitschige Schlager und simple Popmusik. Wer gute Filme mag, die nicht nur unterhalten, sondern auch einen gewissen Anspruch an den Tag legen, ist hier auch gut beraten. Beijing Rocks ist ein gelungenes Jugendporträt, das aktuelle Tendenzen aufzeigt und auch noch ein paar interessante Charaktere zu bieten hat.

© Shaoshi, 26. Juni 2013
7/10

北京樂與路 | Bak Ging Lok Yue Liu
Hongkong • 2001 • 110 Min • Drama
Regie | Mabel Cheung Yuen-Ting
Drehbuch | Alex Law Kai-Yu
Darsteller | Shu Qi, Daniel Wu Yin-Cho, Geng Le, Richard Ng Yiu-Hon, Yu Feihong

Und wie gefällt Euch der Film?

Cover-Quelle: movie.douban.com

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