Filmkritik | Greedy Neighbours (China, 1933)

Dieser Artikel ist Teil unserer Serie Retrospektive | Der frühe chinesische Film.


Greedy NeighboursIn die erste goldene Ära des chinesischen Films fielen nicht nur die sozialkritischen Werke der linksgerichteten Regisseure, auch das Wuxia-Genre fand hier seine Anfänge. Ren Pengnian hatte 1927 seine eigene Filmproduktionsfirma Yueming gegründet und filmte mit der zähen Darstellerin Wu Lizhu, die nicht nur seine Geschäftspartnerin sondern auch seine Ehefrau war, etliche Martial-Arts-Kurzfilme. Als das Genre boomte, war das Paar ganz vorn dabei, zum Beispiel mit den Serien Northeast Hero (1928-1931) und Mistress Of The Spear (1931-1932) oder mit Filmen wie The Heroine Black Peony (1931). Leider existieren heute die meisten dieser Werke nicht mehr. Zumindest eines hat aber überdauert: das 1933 gedrehte, rund dreiviertelstündige Wuxia-Stummfilmchen Greedy Neighbours nämlich.

In diesem Film sieht sich ein junger Landbesitzer von seinen Nachbarn belästigt, von denen der eine an seinem Land und der andere an seiner Frau interessiert ist. Wu Lizhu als die Schwester des Landbesitzers mimt dabei die Heldin mit den schlagkräftigsten Argumenten. Zusammen mit ihrem Bruder will sie nicht nur seiner Ehefrau, die sich mit ihrem Liebhaber vergnügt, ein Schnippchen schlagen und das Vermögen ihres Bruders beschützen, sondern gleichzeitig auch noch verhindern, dass das Grundstück ihres Bruders in die Hände des anderen Bösewichts fällt.

Die dürftige Handlung zeigt, dass sich Actionfilme diesbezüglich bis heute kaum weiterentwickelt haben. Dabei wirkt Greedy Neighbours noch relativ bieder und kommt für heutige Verhältnisse wirklich nur sehr langsam in die Gänge. Herzstück des nicht sonderlich ästhetisch gedrehten Films sind selbstverständlich die Actionszenen. Wu Lizhu beweist hier, dass sie definitiv nicht zum schwachen Geschlecht gehört, das in gesellschaftskritischen Werken dieser Zeit so oft zu leiden hat. Sie scheut sich auch nicht davor, aus dem Fenster im zweiten Stock zu springen, um den bösen Buben nachzustellen, und verteilt ihre Argumente mit gezielten Schlägen und Tritten. Auch in einer Massenschlägerei am Ende, in dem es mit zertrümmertem Mobiliar und allerlei Stunts durchaus ansehnlich zur Sache geht, sieht sie nicht untätig zu. Ein Film, der seiner Zeit weit voraus war?

Auffällig ist in diesen Actionszenen, dass sich die Inszenierung einer solchen Schlägerei bis heute nicht nennenswert verändert hat. In Greedy Neighbours ist all das schon da, was man später nur noch perfektionieren konnte: eine gewisse Choreographie, das Zusammenspiel von Mensch und Requisiten, die Stunts, wenn etwa jemand aus dem Fenster gekippt wird oder eine Kommode auf den Kopf bekommt, das generelle Austeilen von Haue. Bisweilen erinnert es sogar an Filme von Jackie Chan, etwa bei dem ewigen Hin und Her um das Grundstückspapier, das immer wieder den Besitzer wechselt oder nicht fertig unterschrieben werden darf. Chan hat ja nie einen Hehl daraus gemacht, dass er sich auch gerne von Stummfilmen inspieren lässt. Ob da neben den Hollywoodklassikern auch Ren Pengnians Werke dabei waren?

Zugegeben, als etwas primitiver Actionfilm hat Greedy Neighbours zwar keinen unmittelbaren historischen Wert und wird vermutlich genau deswegen so gerne übersehen, aber als Actionfan und insbesondere auch Liebhaber des Martial-Arts-Genres, der sich für mehr interessiert als aktuelle Produktionen, sollte der kleine Film eigentlich Pflicht sein. Ren Pengnian und Wu Lizhu siedelten in den Wirren des Krieges übrigens nach Hongkong um, um dort später weiterhin angesehene Filme dieses Genres zu drehen. In China waren Wuxia-Filme während der Kulturrevolution nämlich verboten.

© Shaoshi, 25. Januar 2013

惡鄰 | E Lin
China • 1933 • 44 Min • Actiondrama
Regie | Ren Pengnian
Drehbuch | Li Faxi
Darsteller | Wu Lizhu, Zhang Yuting, He Feiguang, Wang Feijuan

Und wie gefällt Euch der Film?

Cover-Quelle: movie.douban.com

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