Filmkritik | Der große Japaner (Japan, 2007)

Der große JapanerDer große Japaner lautet der schlichte Titel der skurillen Monsterkomödie aus Japan, die es (untertitelt) selbst bis in die deutschen Kinos geschafft hat, auch wenn freilich nur in einige wenige Independentkinos und von der Masse wenig beachtet. Doch für die breite Masse ist der Film auch nichts, zu speziell sein Inhalt, zu skurril die Ideen, die so grotesk wohl schon lang nicht mehr über deutsche Kinoleinwände flimmern durften.

So groß ist er eigentlich gar nicht, der Mann namens Masaru Daisato (Hitoshi Matsumoto), über den eine Reportage gedreht wird. Jedenfalls nicht in seinem Privatleben. Ein einsamer ruhiger Herr ist es, der ein beschauliches, geradezu banales Leben zu führen scheint. Doch nur so lange, bis er wieder einmal gebraucht wird. Denn gelegentlich suchen noch immer Monster diverse japanische Großstädte heim und die müssen besiegt werden. Um den Monstern jedoch größen- und stärkemäßig überlegen zu sein, muss auch Daisato wachsen. Durch den nötigen Strom, den man ihm bei Bedarf durch den Körper jagt, wächst er sich zum großen Ringer in Unterhose aus, der mit seiner einzigen Waffe—einem Stock—ein jedes Monster bezwingen will. Lebt er privat ein einsames, tristes Leben, wird Daisato beim Kampf mit den Monstern zum Star. Doch auch das Ringen mit absurden Monstern ist nicht mehr das, was es einmal war. Sein Ruhm ist längst verblasst, und seine Managerin kümmert sich lediglich darum, ihn gut zu vermarkten, anstatt den Menschen hinter dem gigantischen Kämpfer zu sehen.

Was wie ein harmloses, ja geradezu banales Drama anfängt, als Daisato seinem (für den Zuschauer nicht sichtbaren) Gegenüber aus seinem Leben erzählt, ändert sich schlagartig, sobald ein Monster auf den Plan tritt. Was sich eben noch in langen Kameraeinstellungen und teilweise mehr als behäbiger Inszenierung durchaus einmal ziehen kann, ist schon in der nächsten Szene ein perfekt computeranimierter Kampf zwischen einem riesigen halbnackten Menschen und einer ganzen Riege absurder Monster. Egal ob ein riesiger menschlicher Kopf auf einem gigantischen muskulösen Bein, das grenzdebil durch die Gegend hüpft, ein stinkendes miesgelauntes rosa Monster, das die Balzrituale eines gleichrassigen Männchens zunächst kalt lassen, oder ein langes biegsames Monster, das sich die schütteren Haare über die weiße Glatze gekämmt hat und statt Armen eine gigantische Schlinge besitzt, mit dem es Häuser ausreißt, um an den freigewordenen Stellen zu laichen—das alles mutet mehr als seltsam an, ist teils irgendwie befremdlich und macht doch unglaubliche Laune. Gewiss fällt es zunächst schwer (und bleibt wohl für viele für immer unmöglich) sich auf den Film einzulassen, zu akzeptieren, dass immer noch Monster als eine Art weiterentwickelte Godzillas über Japan herfallen und die Welten der herkömmlichen Animationsfilme völlig aus der Bahn werfen. Zum Glück. Hier gibt es keine niedlich oder lässig animierten sprechenden Tiere, hier sind es Körperteile, die scheinbar willkürlich neu zusammengesetzt in riesigen Dimensionen gegen einen ganz und gar ungewöhnlichen Helden antreten. Denn der große Japaner Daisato ist ganz und gar kein Schönling. Er ist dick, er ist alternd, sein Körper ist durch aufgemalte Sponsorenwerbung entstellt und in seiner lila Unterhose ist er kaum ernst zu nehmen. Und doch: Daisato ist der Held. Er ist ein Star, dessen Kämpfe (inzwischen bedauerlicherweise nur noch) im Nachtprogramm laufen und der die Tradition der großen Kämpfer pflichtbewusst fortführen will.

Der große Japaner ist ein unkonventioneller Film und dabei so absurd, dass einem das Lachen fast schon wieder im Halse stecken bleibt. Er ist urkomisch, aber nicht, weil er einen Schenkelklopfer nach dem anderen liefern würde, sondern weil die Situationen reichlich seltsam sind. Nach dem Warum sollte man als Zuschauer jedoch nicht fragen. Denn darauf wird man im Film keine Antwort erhalten. Die Monster sind einfach da, das scheint niemanden zu wundern oder zu stören. Auch Daisatos Arbeit als riesiger Japaner ist einfach ein gegebener Faktor. Warum wird er größer, wenn man in ans Stromnetz spannt? Es ist einfach so. Und so ist man dem Geschehen auf der Leinwand völlig hilflos ausgeliefert und wenn dann mitten im finalen Kampf zwischen Riese Daisato und einem teufelartigen namenlosen Monster die animierte Version unterbrochen wird und stattdessen die Realverfilmung des Kampfes beginnt, darf man sich nicht stören. Der große Japaner zeigt dann nämlich eindrucksvoll, dass es noch viel absurder geht. Helden in Schaumstoffanzügen, die in bunten schlechten Kulissen Powerranger-mäßig und damit ebenso trashig diverse japanische Heldenserien à la Kamen Rider durch den Kakao ziehen, muss man einfach hinnehmen. Das ist amüsant, das bleibt seltsam, das macht Spaß. Auf eine debile, infantile Weise.

Der große Japaner ist ein außergewöhnlicher Film. Befremdlich und unglaublich seltsam, mal komisch, mal banal und dann doch tatsächlich wieder melancholisch. Denn zwischen all den perfekt animierten Bildern, nach denen der Zuschauer insgeheim natürlich lechzt, lernt man auch den Menschen hinter dem Helden kennen. Er ist ein ganz normaler Mensch wie du und ich. Und er beschreitet die absurdesten Kämpfe, die wohl bis dato abgedreht worden sind. Obwohl Der große Japaner in den ruhigen, pseudo-dokumentarischen Szenen leider einige Längen aufweist, hat uns Hitoshi Matsumoto als Regisseur und Hauptdarsteller ein Regiedebut aufgetischt, das auf unverschämte Weise mit dem Zuschauer spielt, gewiss das phantastische Vorstellungsvermögen der meisten sprengt und sich nicht darum schert. Nie weiß man, was als nächstes geschehen wird, nie ist klar, worauf das Ganze hinauslaufen wird und am Ende bleibt ein Berg offener Fragen. Und doch: Der große Japaner ist ein einzelgängerischer Film, den man so mit Sicherheit nicht erwartet hätte. Er ist ein Film mit eigenständigem Charakter. Er ist einfach da, er existiert, er schockiert, überrascht und unterhält und wird wohl nur von Liebhabern der ganz seltsamen Kost zu schätzen gewusst. Er ist für eine ausgewählte Handvoll Zuschauer und dabei erfrischend andersartig.

© Shaoshi, 26. Juli 2008
7/10

大日本人 | Dai Nipponjin
Japan • 2007 • 105 Min • FSK 12 • Komödie
Regie | Hitoshi Matsumoto
Drehbuch | Hitoshi Matsumoto, Mitsuyoshi Takasu
Darsteller | Hitoshi Matsumoto, Riki Takeuchi, Ua, Ryunosuke Kamiki, Haruka Unabara, Tomoji Hasegawa, Itsuji Itao, Hiroyuki Miyasako, Takayuki Haranishi, Daisuke Miyagawa, Ryoji Okamoto, Ryushin Tei

Und wie gefällt Euch der Film?

Cover-Quelle: movie.douban.com

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