Filmkritik | An Autumn’s Tale (Hongkong, 1987)

An Autumn's TaleLiebesfilme kommen nicht nur in Asien gern in Form von überkonstruierten, platten und kitschigen Streifen daher. In Hongkong hat man es immerhin schon mit (mindestens) drei herausragenden Filmen bewiesen, dass sich Liebesgeschichten auch ganz anders—und dafür umso schöner—darstellen lassen. Da gäbe es Peter Chans wunderbares Hongkong Love Affair mit Leon Lai und Maggie Cheung (1996), Stanley Kwans großartiges Rouge mit Leslie Cheung und Anita Mui (1988) und den hier besprochenen Film An Autumn’s Tale, der mit Chow Yun-Fat und Cherie Chung in den Hauptrollen und Mabel Cheung in der Regie glänzt.

Mit dem inszenatorischen Stil eines taiwanesischen Filmemachers erzählt uns die Regisseurin eine kleine Herbstgeschichte. Eine Liebesgeschichte, um genau zu sein, die so erfrischend subtil und natürlich präsentiert ist, dass es schwer ist, nicht dem Charme von An Autumn’s Tale zu unterliegen. Cherie Chung hat vermutlich nie so sehr begeistert wie in ihrer Rolle als die junge Jennifer, die zwecks Studium von Hongkong nach New York zieht. Weil sie dort niemanden kennt, kommt sie in der Bruchbude ihres entfernten Verwandten Figgy (einem vor Charisma nur so sprühenden Chow Yun-Fat) unter, welcher den typischen großmäuligen, chinesischen Immigranten verkörpert, der unter seiner etwas rüpelhaften Schale doch einen weichen Kern hat. Während er sein Geld verspielt, das er mit Anfang dreißig immer noch als Kellner verdient, und mit seinen Kumpels schon mal eine Schlägerei anzettelt, lebt Jennifer eher ein beschauliches Leben und konzentriert sich stattdessen auf ihr Studium und diverse Aushilfsjobs. Ganz zufällig ist Jennifer allerdings auch wieder nicht nach New York gekommen, denn hier lebt inzwischen auch ihr Freund (Danny Chan), der jedoch längst die nächste Gelegenheit genutzt hat, sich eine andere Freundin zu angeln. Weil Jennifer deshalb am Boden zerstört ist, versucht Figgy sie in seiner rüden Art wieder aufzubauen—und obwohl die beiden in zwei völlig anderen Welten leben, knüpfen sie bald zarte Bande.

Zugegeben, die Handlung ist nicht gerade die stärkste Seite von An Autumn’s Tale, doch reicht sie vollkommen aus, um den Inhalt mit Liebe zum Detail, subtilem Humor und ganz viel Sympathie zu portätieren. Mit ruhigen Bildern und dem Charme der Achtziger fängt Mabel Cheung eine kleine, süße Geschichte ein, die Chow Yun-Fat und Cherie Chung auf ganz natürliche Art und Weise als Paar auf den Bildschirm bringt. Die Chemie der beiden sympathischen Darsteller könnte nicht besser sein—dabei hat man es bei An Autumn’s Tale ja noch nicht einmal mit überbordenden, offen zur Schau gestellten Emotionen zu tun. Die Liebe steht zwischen den Zeilen, in kleinen Gesten, faszinierend und voller Wärme.

New York hätte als Kulisse nicht besser gewählt werden können. Heruntergekommene Viertel sowie Parks und Strände bei Sonnenuntergang (und das ganz ohne Kitsch!) sorgen für eine wunderbare Atmosphäre, in der die gemeinsamen Momente von Jennifer und Figgy nur umso stärker wirken. Es passiert nicht viel in An Autumn’s Tale und doch fesselt die Liebesgeschichte wie keine andere. Das Ende, das mit dem Austausch zweier bedeutungsvoller Geschenke daherkommt, könnte keine bessere Parabel zeichnen, gemäß der zwei einsame Seelen manchmal tatsächlich vom Schicksal füreinander bestimmt sind.

Mabel Cheung schafft es mit einfachen Mitteln, die kleine Liebesgeschichte in An Autumn’s Tale perfekt zu inszenieren. Ruhige Bilder, eine unglaubliche Atmosphäre und ganz viel Charme auf Seiten der Hauptdarsteller machen An Autumn’s Tale zu Recht zu einem preisgekrönten Klassiker des Hongkong-Kinos. Mit diesem Film ist es bewiesen, dass sich Liebe eben auch anders darstellen lässt als in turbulenten, aber hohlen 08/15-Konstrukten. Einfach schön!

© Shaoshi, 26. November 2010
9/10

秋天的童話 | Chau Tin Dik Tung Wa (Lau Man Daai Hong)
Hongkong • 1987 • 98 Min • Liebesdrama
Regie | Mabel Cheung Yuen-Ting
Drehbuch | Alex Law Kai-Yu
Darsteller | Chow Yun-Fat, Cherie Chung Chor-Hung, Danny Chan Bak-Keung, Brenda Lo Yip-Mei, Gigi Wong Po-Yi, Wong Man, Joyce Houseknecht, Arthur Fullbright, Cindy Ng Lai-Sing, Chan Yui-Yin, Tom Hsiung

Und wie gefällt Euch der Film?

Cover-Quelle: movie.douban.com

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