Serienkritik | Brown Sugar Macchiato (Taiwan, 2007)

Brown Sugar Macchiato

Der Trend bei taiwanesischen Jugendserien geht ja leider schon seit einiger Zeit dahin, dass man immer wieder aufs Neue auf altbewährte Muster zurückgreift und in Sachen Innovation lediglich darum zu kämpfen scheint, jede Serie noch absurder, bunter und kitschiger zu gestalten, sowie irgendwelche neuen Sänger auf dem Markt einzuführen. Die Serie Brown Sugar Macchiato aus dem Jahre 2007 ist mal wieder so ein waschechtes standardisiertes Idol-Drama. In diesem Fall ist das Augenmerk des Zuschauers auf die Mitglieder der neu kreierten sechsköpfigen Boyband »Lollipop« und neun Mitglieder der unübersichtlichen, rund 60 (!) Mitglieder umfassenden Girlgroup »Hei Se Hui Mei Mei« gerichtet.

Inhaltlich geht es um sechs unterschiedliche Halbbrüder (die sechs Mitglieder von »Lollipop«), die eines Tages von ihrem reichen kranken Vater zusammengerufen werden, um eine Mission zu erfüllen: Für ein Jahr sollen sie gemeinsam in einem Haus wohnen, auf die selbe Schule gehen, die Prüfungen bestehen und zu einer richtigen Familie zusammenzuwachsen. Nur dann werden sie seinen unermesslichen Reichtum erben. Geldgierig wie die sechs nun einmal sind, lassen sie sich also darauf ein. Dumm nur, dass sich die Jungs zunächst überhaupt nicht ausstehen können und das dicke Regelbuch ihres Vaters ihnen immer wieder unnötig Steine in den Weg legt. Auch in der Schule haben sie es alles andere als leicht. Ihre Mitschülerinnen (die Mitglieder von »Hei Se Hui Mei Mei«) sind zunächst nämlich alles andere als nett.

Brown Sugar Macchiato, die bunte Serie mit der absurden Rahmenhandlung, macht eigentlich von Anfang an (fast) alles verkehrt, was man im Bereich des Filmschaffens so falsch machen kann. Besonders schlimm ist hier wohl, dass der Zuschauer bei der großen Anzahl an Hauptdarstellern schnell den Überblick verliert. Schon in der ersten Szene werden alle sechs Jungs eingeführt, so dass man nie die Zeit findet, sie einzeln kennen zu lernen. Folglich bleiben sie alle irgendwie blass und heben sich kaum voneinander ab. Das gleiche gilt auch für die Mädchen. Charakterzüge sind hier nur rudimentär vorhanden. Stattdessen wird auf ihre teilweise erzwungene Schönheit gesetzt, wobei man anmerken sollte, dass auch die Jungs weitaus attraktiver dargestellt werden als sie eigentlich sind.

Weil die Handlung samt Nebenkonflikten nicht genug hergibt, hat man die Leere drum herum mit infantilem Slapstickhumor gefüllt. Das kommt gelegentlich durchaus lustig und angemessen trashig daher, ist oft aber einfach zu übertrieben oder wird leider bis zum Erbrechen ausgereizt. Ständig kommt es vor, dass irgendjemand, der gerade wieder einen blöden Kommentar von sich gegeben hat, daraufhin eine Faust aus dem Off ins Gesicht bekommt, um zum Schweigen gebracht zu werden. Schlägereien im Animé- und Virtual Fighting-Stil (die teilweise auch sehr an den Stil in KO One erinnern) passen zwar ins Niveau der Serie, doch sind sie dafür umso stümperhafter inszeniert.

Auch die restlichen Szenen zeugen nur selten von handwerklichem Geschick. Ungelenke Schnitte, die den Szenen viel an Fahrt nehmen, die üblichen Liebestwiste und dümmliche Dialoge (die jedoch durchaus unterhaltsam sind) trüben den Serienspaß gern einmal. Neben den übertrieben vielen (und schlecht ausgearbeiteten) Hauptpersonen, von denen man sicher die Hälfte getrost hätte streichen können, ist noch eins mehr als lästig: Die Hintergrundmusik klebt in jeder Szene, mal poppig kindisch, mal von orchestraler Siegesgewalt. Aber immer viel zu laut. Das gleiche gilt für die cartoonhafte Vertonung, sobald irgendjemand läuft, sich an der Nase kratzt, in Hektik gerät oder eins auf den Deckel bekommt. Diese Cartoon-Geräusche werden so inflationär gebraucht, dass sie die nervende, lärmende Grundstimmung nur noch verschlimmern. Das zerrt schon bald arg am Nervenkostüm des Zuschauers.

Freilich bleiben die Mitschülerinnen nicht lange böse und freunden sich mit den Jungs an und freilich werden sämtliche Gegner der Jungs, die sie unbedingt am Erfüllen der vom Vater gestellten Aufgabe hindern wollen, plötzlich gut (und verschwinden dann wieder aus der Serie). Ein völlig unnötiges Krebsdrama gegen Ende von Brown Sugar Macchiato will dann auch noch auf die Tränendrüse drücken, doch wirkt die ganze Geschichte dermaßen platt, an den Haaren herbeigezogen und kommt so unsensibel daher wie der sprichwörtliche Elefant im Porzellanladen, dass man nur noch den Kopf schütteln kann.

Und doch: Auch wenn jede Situation mehr als konstruiert und mehr als nur einmal unglaubwürdig wirkt (eine Mitschülerin arbeitet da z.B. wie eine Sklavin als Haushälterin der sechs Jungs) und Konflikte und naive Intrigen so schnell und einfach aus der Welt geräumt sind, wie sie urplötzlich als Gegenstand einer Folge auf den Plan treten, hat die Serie (zumindest für Trash-Fans) fast durchgängig einen hohen Unterhaltungswert, wenn auch der ganz niederen Sorte.

Das wohlverdiente Happy End ist dann aber wieder so albern und willkürlich wie man es bei Brown Sugar Macchiato nicht anders erwartet hätte. Der eine mag vielleicht (so wie die Darsteller nach monatelangem Dreh am Ende selbstironisch zugeben) froh sein, dass die ganze Chose nach dreizehn Folgen dann endlich ein Ende hat, aber wer trotz grottenschlechter Gesamtausführung nicht widerstehen konnte—was sich vor allem an Fans infantiler, hirnloser Unterhaltung richtet—, der wird am Ende doch ein wenig traurig sein. Es lebe der Trash!

© Shaoshi, 25. Mai 2008
4/10

黑糖瑪奇朵 | Hei Tang Ma Qi Duo
Taiwan • 2007 • 13 Episoden (je ca. 70 Min) • Comedy/Trash
Regie | Wang Ming Tai, Chen Yi Xian, Lian Shu Xian
Drehbuch | Su Da Yi, Wu Wei Jun, Zhang Wan Ni
Darsteller | Ao Quan, Wang Zi, Xiao Yu, Xiao Jie, William, Ah Wei, Ya Tou, Da Ya, Gui Gui, Tong Tong, Mei Mei, Xiao Xun, Xiao Jie, Apple, Xiao Man, Li Quan, Lin Ke En, Na Dou, Li Qian Rong, Miao Ke Li, Xiao Xiang, Candice Liu, Lin You Li, Kenji Wu, Guo Zi Qian, Akemi, Li Xing Wen

Und wie gefällt Euch der Film?

Cover-Quelle: wikipedia.org

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