Filmkritik | Song Of The Fishermen (China, 1934)

Dieser Artikel ist Teil unserer Serie Retrospektive | Der frühe chinesische Film.


Song Of The FishermenDie chinesischen Filmemacher der 30er Jahre widmeten sich besonders gern dem Schicksal der einfachen Bevölkerung. Ein Paradebeispiel ist hier vielleicht Regisseur Cai Chusheng (†1968), dessen Anliegen es stets gewesen war, in seinen Filmen Missstände aufzuzeigen und sich vor allem auch für die Rechte der Frauen einzusetzen. Während der Kulturrevolution musste er seine Gesellschaftskritik öffentlich als Fehler deklarieren, bevor er dafür mit dem Tode bezahlen durfte. Eines seiner bekanntesten Werke dürfte das Stummfilmdrama Song Of The Fishermen sein, in dem er sich wieder einmal der chinesischen Unterschicht und deren harten Los annimmt. Dies tut er anhand des Schicksals einer Fischerfamilie.

Nach dem Tod des Vaters zieht die Frau des Fischers ihre beiden Kinder Hou und Mao allein auf. Die drei arbeiten hart und verdienen doch kaum etwas. Gegen die modernen Fischerboote einer großen Firma kommen sie eben nicht an. Der Zufall will es, dass die Mutter beim Chef dieser Firma als Haushälterin arbeitet, während dessen Sohn Ziying sich trotz des Klassenunterschieds mit Hou und Mao anfreundet. Als die Kinder erwachsen sind, geht Ziying zwecks Studium ins Ausland, und als die Mutter von Hou und Mao langsam erblindet, beschließen die Zwillinge nach Shanghai zu gehen, um dort Geld zu verdienen. Bald schon tun sie dies als Straßenkünstler, doch das Glück währt nicht lange – weder für Hou und Mao noch für Ziying, der inzwischen wieder in Shanghai ist, um die Firma seines Vaters zu übernehmen.

Song Of The Fishermen ist eine Tragödie wie sie im Buche steht. Cai Chusheng lässt keine Gelegenheit aus, die Zwillinge mit einem Schicksalsschlag nach dem anderen zu malträtieren. Das zeigt Wirkung. Trotz der eher pragmatischen Erzählweise, die sich mehr auf die Geschichte denn künstlerischen Anspruch konzentriert, dürfte das Leiden der Geschwister auch heute kaum einen kalt lassen. Sie sind arm, zerlumpt und von der besseren Gesellschaft geächtet. Noch dazu sind sie so herzengsut und gleichzeitig so schwach, dass sie überall das Opfer sind, ob sie nun für eine Arbeit Schlange stehen oder sich mit einem Passanten um eine Glasflasche streiten, die zufällig Hou am Kopf getroffen hat. Die bedingungslose Geschwisterliebe und die Zähigkeit, mit der sie all diese Leiden durchstehen, kitzelt auf einfache aber effektive Weise Sympathien beim Zuschauer hervor. Das melancholische Fischerlied und der Zynismus, mit dem Cai Chusheng in den Zwischentiteln arbeitet, ist ebenso wirkungsvoll. Shanghai, die Stadt, in der alles gut wird – nur eben nicht für jeden, ja noch nicht einmal für die reichen Leute, die mit ihrer Villa, ihren westlichen Anzügen und ihrem Auto im krassen Gegensatz zur restlichen Bevölkerung stehen.

Cai Chushengs Klassiker, der von den berühmten Lianhua Filmstudios produziert worden ist, war der erste chinesische Film, der im Ausland einen Preis gewonnen hat. Gedenkt man Cai Chushengs persönlichem Schicksal, ist es ein Wunder, dass Song Of The Fishermen die Wirren der Kulturrevolution überlebt hat. Somit ist uns heute ein Stück Zeitzeugnis erhalten geblieben, das zwar im Gegensatz zu zum Beispiel Shen Nü nicht so ästhetisch geworden ist, aber mit Emotionen nicht geizt und eindrucksvoll den Zeitgeist des damaligen Chinas zu vermitteln mag.

© Shaoshi, 24. Januar 2013

漁光曲 | Yu Guang Qu
China • 1934 • 56 Min • Drama
Regie | Cai Chusheng
Drehbuch | Cai Chusheng
Darsteller | Wang Renmei, Luo Peng, Yuan Congmei, Han Langen

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Cover-Quelle: movie.douban.com

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