Filmkritik | Yi Yi – A One And A Two (Taiwan, 2000)

Yi YiDer taiwanesische Regisseur Edward Yang, der 2007 an einem Krebsleiden starb, führte bei dem wunderbaren Familienfilm Yi Yi nicht nur Regie, er schrieb auch das Drehbuch. Man könnte vielleicht meinen, Yi Yi wäre mal wieder so ein durchschnittliches Drama über das wenig aufregende Leben einer Familie, doch ist der Film viel mehr. Erstens ist der Film weitaus intelligenter gesponnen als so manch anderer Vertreter dieses Genres; zweitens gibt er mit seinen fast drei Stunden Laufzeit in seiner Inszenierung immer noch genug her, um den Zuschauer nicht zu langweilen.

Yi Yi beginnt mit einer Hochzeit und endet mit einer Beerdigung. In der Zeit dazwischen dreht sich alles ums Leben, bevorzugt um das Leben der Familie Jian und, quasi als Bonus, um das Leben der Leute, mit denen sie in Beziehung stehen—Freunde, Nachbarn, Kollegen. So ist es Yi Yi möglich, uns eine Vielzahl verschiedener Leben, Charaktere, Probleme und Beziehungen zu zeigen, wodurch der Film unglaublich vielschichtig ist, ohne jedoch unübersichtlich zu werden.

Während die Hochzeit am Anfang wie eine Einleitungsszene wirkt, fängt die eigentliche Geschichte erst in dem Moment an, als die Großmutter der Familie für nahezu den Rest des Filmes in ein Koma fällt. Die Familie Jian nimmt sie nach Hause, um dort für sie zu sorgen und jeden Tag mit ihr zu sprechen, in der Hoffnung sie würde bald wieder aus ihrem Koma erwachen. Da bemerkt die Mutter der Familie, wie sehr ihr belangloses Leben von Routine bestimmt ist, wie wenig sie jeden Tag über ihr Leben zu berichten hat. Um diese Krise zu überwinden, entschließt sie sich dazu, ihre Familie zu verlassen, um in einem buddhistischen Tempel einen neuen Lebenssinn zu finden. Nun ist Vater Jian mit seinen beiden Kindern auf sich selbst gestellt. Allerdings hat er nicht viel Zeit, sich um die beiden zu kümmern, da es um seine kleine Computerfirma nicht gerade gut bestellt ist. Er wird nach Japan geschickt, wo er sich mit einem Geschäftsmann treffen soll, der der Firma aus der Krise helfen kann. Jedoch stolpert Vater Jian in Tokio ausgerechnet über seine erste große Liebe. Inzwischen entdeckt der achtjährige Yang-Yang, der in der Schule von den größeren Schülern und seinem Lehrer schlecht behandelt wird, sein neuestes Hobby—das Fotografieren. Mit seiner Kamera macht er Schnappschüsse von den Hinterköpfen seiner Mitmenschen, »um ihnen etwas zu zeigen, das sie selbst nicht sehen können«. Und dann gibt es noch Tochter Ting-Ting, die sich ausgerechnet in den Ex-Freund einer Freundin aus der Nachbarschaft verliebt und außerdem unter selbstauferlegtem Schlafentzug leidet, seit sie sich für das Koma ihrer Großmutter die Schuld gibt.

Der ruhige Film Yi Yi unterhält den Zuschauer in einem fort mit cleveren Überblenden und Stimmen aus dem Off, die so mancher Szene einen neuen Sinn geben, realistischen Familienbeziehungen und gar subtilem Witz, obwohl der Film oft von einer leisen Melancholie durchzogen wird. Die Kamera verhält sich wie ein Beobachter. Sie bleibt auf respektvoller Distanz mit den Figuren, und manchmal sogar in einem anderen Raum, so dass man Teile der Unterhaltungen im Nebenzimmer hören kann, während man die Figuren etwa in einem Spiegel, einem Überwachungsmonitor oder als Spiegelungen in diversen Fenstern sieht.

Edward Yang weiß in Yi Yi den Generationenkonflikt auf ganz natürliche Weise als einen Kreislauf darzustellen, der sich in jeder Generation wiederholt. Obwohl die Menschen in jeder Generation ihre eigenen Ansichten und verschiedene Erfahrungen (oder noch gar keine) haben, machen sie letztendlich doch alle ähnliche Erfahrungen und finden sich immer wieder einmal in den gleichen Situationen wieder. Wenn uns Vater Jian also erzählt, dass ihm sein Sohn in vielen Dingen ähnlich ist, erfährt man bestimmt weshalb. Aber nicht nur Yang-Yang, auch Tochter Ting-Ting scheint ihm in so mancher Situation ähnlich. Wenn ihre aufkeimende erste Liebe in intelligenter Szenenanreihung mit der ihres Vater, die er eben in Tokio wiedertrifft, verglichen wird, weisen beide Liebesgeschichten so einige Parallelen auf.

Yi Yi ist ein Film voller Wärme, manchmal fröhlich, manchmal witzig, manchmal traurig, ohne sich dabei jemals allzu wichtig zu nehmen. Wer sich nicht sicher ist, ob er einen fast dreistündigen Film durchsteht, sollte es auf jeden Fall versuchen. Yi Yi ist die Zeit definitiv wert.

© Shaoshi, 29. Mai 2009
9/10

一 一 | Yi Yi
Taiwan • 2000 • 166 Min • FSK 6 • Familiendrama
Regie | Edward Yang
Drehbuch | Edward Yang
Darsteller | Wu Nien-Jen, Elaine Jin, Issei Ogata, Kelly Lee, Jonathan Chang, Chen Hsi-Sheng, Ko Su-Yun, Michael Tiu, Hsiao Shu-Shen, Adriene Lin, Yu Pang Chang, Tang Ru-Yun

Und wie gefällt Euch der Film?

Cover-Quelle: movie.douban.com
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