Filmkritik | Gefahr und Begierde (Taiwan / USA, 2007)

Gefahr und BegierdeEiner der wohl bekanntesten Regisseure aus Asien ist zurück: Ang Lee. Nach breit gefächerten Erfolgen wie etwa dem herrlichen Eat Drink Man Woman, dem Familiendrama Der Eissturm, dem Schwertkampfspektakel Tiger & Dragon, dem Schwulendrama Brokeback Mountain oder aber auch dem Action-Flop Hulk liefert der taiwanesische Regisseur 2007 sein neuestes Werk ab—das erotische Spionagedrama Gefahr und Begierde, von dem Ang Lee selbst sagt, dass es sein persönlichster Film geworden ist.

Nach mehreren Filmen, die im Westen gespielt haben, kehrt Ang Lee nun wieder zurück nach China und schafft ein Epos zu einer Zeit, in der China mit Japan im Krieg stand, und das erst in Hongkong und später in Shanghai spielt. Was zunächst eine Kurzgeschichte einer chinesischen Schriftstellerin gewesen ist, wurde von Ang Lee in recht veränderter Form plattgewalzt und zu einem gut zweieinhalbstündigen Leinwandschinken ausgeweitet, der für viele Kinogänger sicherlich eine Menge Sitzfleisch erfordert.

Zunächst schreibt man das Jahr 1938: Auf einer Universität in Hongkong schließt sich die junge Studentin Wang Chia Chi (Tang Wei) einer Theatergruppe (u.a. Wang Leehom) an, die mit ihren Stücken den Patriotismus in China am Leben erhalten will. Bald schon gründet diese Gruppe jedoch eine geheime Untergrundorganisation, die das eine Ziel hat, den Chinesen Herrn Yi (Tony Leung Chiu Wai), der mit den Japanern zusammenarbeitet, zu töten und so das Land von gemeinen Überläufern zu säubern. Die Studenten mieten eine Wohnung und legen sich falsche Identitäten zu, mit denen sie in Herrn Yis Leben eindringen wollen. Bald schon bekleidet Wang Chia Chi dabei die wichtigste Rolle—sie spielt Frau Mai, der es schon bald gelingt, sich mit Herrn Yis Ehefrau, der ewig Mahjongg spielenden Frau Yi (Joan Chen), und deren Freundinnen anzufreunden und so langsam Herrn Yis Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Durch einen Zwischenfall können die Studenten ihr Vorhaben jedoch erst einmal nicht ausführen.

Zeitsprung: Vier Jahre später. Die ehemalige Geheimorganisation ist zerstreut. Wang Chia Chi lebt inzwischen in einem vom Krieg heruntergekommenen Shanghai. Von der einstmalig so reich und kultiviert erscheinenden Frau Mai ist nichts mehr übrig. Als sie zufällig auf einen ihrer alten Genossen (Wang Leehom) stößt, hat er sie schnell dazu überredet, erneut dabei zu helfen, Herrn Yi ein für alle Mal zu töten. Und so schlüpft Wang Chia Chi ein letztes Mal in die Rolle der Frau Mai und kommt Herrn Yi diesmal so nahe, dass sie eine intensive Affäre mit ihm beginnt, bis sich der sonst so misstrauische Mann bei ihr gänzlich in Sicherheit wiegt.

Gefahr und Begierde ist meist spannend und solide gearbeitet und hat deshalb wohl bei den Filmfestspielen in Venedig Preise in den Kategorien »Bester Film« und »Beste Kamera« eingeheimst. Doch hinterlassen die Szenen nie pompöse visuelle Eindrücke, als dass der Preis für die beste Kamera gerechtfertigt wäre. Auch der Preis »Bester Film« sieht wie an den Haaren herbeigezogen aus, denn Ang Lees Rundumschlag gegen ein dunkles Kapitel in Chinas Geschichte vermag es kaum, seine Figuren an den Zuschauer zu fesseln. Ihre patriotischen Beweggründe sind im Grunde alles, was man von ihnen erfährt. Richtige Gefühle scheint keiner von ihnen zu haben. So bleiben sämtliche Figuren unnahbar und unterkühlt. Vor allem Frauenliebling Tony Leung als Bösewicht und Opfer ist dermaßen unsympathisch, dass man sich immer wieder fragt, warum die Studenten nicht einfach kurzen Prozess machen und ihn erschießen, anstatt Chance für Chance teilnahmslos verstreichen zu lassen.

Zwar wird angedeutet, dass sich Wang Chia Chi während ihrer Affäre mit Herrn Yi, die sie gänzlich allein des Widerstandkampfes wegen mit ihm angefangen hat, in Herrn Yi verliebt und auch Herr Yi Wang Chia Chi mehr als begehrt, doch ist dies nie eine knisternde melodramatische Liebesgeschichte, sondern überraschend expliziter, bloßgestellter Sex in diversen Betten, ungezügelt und manchmal fast schon masochistisch. Natürlich haben Bettszenen in einem erotischen Spionagedrama wie Gefahr und Begierde ihre Berechtigung, doch in der unverhüllten, fast schon abstoßenden Art wie sie uns dargereicht werden, stoßen sie wohl ganz besonders beim eher konservativen Zuschauer auf Ablehnung. Die Szenen ziehen den Film (wie übrigens sämtliche Mahjongg-Szenen mit ihren banalen Dialogen) unnötig in die Länge und können kaum vermitteln, was das eigentlich alles soll.

Obwohl Gefahr und Begierde mit seiner Geschichte durchaus zu fesseln weiß und selten langweilige Szenen zu Tage fördert, so gelingt es ihm an keiner Stelle tiefer zu gehen. Die Länge des Films schreckt ohnehin etliche Zuschauer ab, auch wenn man das Thema in weitaus weniger Zeit und auch intensiver hätte abhandeln können. Kalte, seelenlose Figuren und plakative Bettszenen sind einfach zu viel, um den eigentlich interessanten und mit viel Potential ausgestatteten Film zu etwas wirklich Besonderen zu machen. Wenigstens die atmosphärische, wunderbar komponierte Filmmusik weiß rundherum zu gefallen.

© Shaoshi, 11. November 2007
6/10

色•戒 | Se, Jie
Taiwan | USA • 2007 • 153 Min • FSK 16 • Spionagedrama
Regie | Ang Lee
Drehbuch | Ang Lee, Wang Hui-Ling
Darsteller | Tony Leung Chiu-Wai, Joan Chen, Tang Wei, Wang Lee-Hom, Anupham Kher, Chu Chih-Ying, Johnson Yuen

Und wie gefällt Euch der Film?

Cover-Quelle: movie.douban.com
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