Filmkritik | Sparrow (Hongkong, 2008)

SparrowFilmemacher wie Johnnie To genießen in Hongkong ja bekanntlich Narrenfreiheit. Und die nutzt er aus, wenn es darum geht Filme ganz nach seinem Belieben zu drehen und diese auch noch mit einem unverkennlichen Stil zu veredeln. Auch auf der gerade einmal 84 Minuten langen Gaunerkomödie Sparrow hat Johnnie To überall seine Fingerabdrücke hinterlassen und das, obwohl der Film dann doch ein bisschen anders ist als seine anderen großen Werke.

Kei, Bo, Mac und Sak (u.a. Simon Yam, Gordon Lam) verdienen als Taschendiebbande nicht schlecht. Eines Tages läuft ihnen allen dieselbe geheimnisvolle Frau (Kelly Lin) über den Weg, welche die vier Männer in ihren Bann zieht und diese bald um ihre Mithilfe bittet. Denn zu ihrem persönlichen Glück fehlt ihr ihr Pass, der gutbeschützt im Tresor eines alten Gangsterbosses liegt.

Zugegeben, die Geschichte gibt nicht allzu viel her und rückblickend passiert auch kaum etwas in dem harmlosen Filmchen. Wenn man es wie Johnnie To allerdings schafft, dieses Nichts so unglaublich ästhetisch, stimmungsvoll und stilsicher zu verpacken, macht das nichts aus. Versucht hat To das etwa auch in PTU – Police Tactical Unit, wo seine ins Unverschämte gedehnten Zeitlupen und perfekten Bildkompositionen leider nicht ganz so hypnotisch an den Mann gebracht werden konnten wie bei Sparrow. Denn Sparrow, das ist eine luftig-leichte Gaunerkomödie im Stil alter 50er/60er-Jahre-Filme. Und tatsächlich schafft es To, seinem kleinen Film so etwas wie nostalgischen Charme einzuhauchen. Obwohl die wunderbar gekleidete Kelly Lin durch ein modernes Hochglanz-Hongkong hetzt, hat sich To die verträumtesten Winkel der Metropole ausgesucht, so dass Hongkong, sonst gern als Moloch inszeniert, beinahe so etwas wie Pariser Leichtigkeit aus längst vergangenen Zeiten ausstrahlt. Und dieser nostalgische, lebensbejahende Touch zieht sich durch den ganzen Film. So mimt Simon Yam mit Uraltkamera den Hobbyfotografen und wirkt als Taschendieb so unglaublich 50er-Jahre-elegant und doch so lässig, wie man es von ihm wohl nicht in allzu vielen Filmen zu sehen bekommt. Doch auch der Rest des Gaunerquartetts trägt perfekt zur beschwingten Stimmung des Films bei. Und wo der Film trotz seiner langsamen Inszenierung durchaus mit Spannung und Humor (etwa die Fahrstuhlszene mit Aquarium) punkten kann, ist es vor allem diese packende Stimmung, wegen der wir To in den Himmel loben wollen.

Neben spielfreudigen Schauspielern, hypnotischen Bildern (z.B. das Regenschirmfinale in Zeitlupe) und perfekt gelungener Runduminszenierung bildet zuletzt der wunderbare Soundtrack aus nostalgischen, mal jazzigen, mal asiatischen Klängen das Sahnehäubchen. Man darf allerdings nicht vergessen, dass Sparrow durch diese Perfektion einen unglaublich künstlichen, aber immerhin künstlerischen Tenor an den Tag legt. Eine Eigenheit, mit der nur wenige Filmemacher richtig umgehen können. Johnnie To kann das allerdings und so liegt es zuletzt an ihm und seinem kreativen Team, dass der Film nicht zu einem Pseudo-Arthouse-Projekt verkommt sondern zu einer richtig guten Perle jenseits des Mainstreams, ohne dabei jedoch allzu anspruchsvoll zu sein. Eine so ausbalancierte Gratwanderung erlebt man selten.

Mit Sparrow hat Johnnie To einen Glückstreffer gelandet. Kennt man seine Filme sonst meist eher als die lakonischen Streifen um Gangster, die nicht davor zurückschrecken, andere zu erschießen, sind es hier beinahe schon ehrenhafte Kleinkriminelle in einem Film, der so harmlos geraten ist, dass er ohne Altersbeschränkung freigegeben wurde. To-Fans, die den Hongkonger Regisseur vor allem durch seine Gangsterklassiker liebgewonnen haben, dürften sich vielleicht etwas an dem federleichten Sparrow stören. Allen anderen sei der Film aber wärmstens zu empfehlen. Denn auch wenn er inhaltsleer ist, so ist er einfach ein Genuss fürs Auge und fürs Ohr. Und das reicht in dieser perfekt choreographierten Ode an das Leben ausnahmsweise zu einer richtig guten Bewertung.

© Shaoshi, 18. Juli 2010
8/10


文雀 | Man Jeuk
Hongkong • 2008 • 84 Min. • FSK o.A. • Gaunerkomödie
Regie | Johnnie To Kei-Fung
Darsteller | Simon Yam Tat-Wah, Kelly Lin, Gordon Lam Ka-Tung, Lo Hoi-Pang, Kate Tsui, Lam Suet, Kenneth Cheung, Law Wing-Cheong

Und wie gefällt Euch der Film?

Cover-Quelle: movie.douban.com
#0212

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