Serienkritik | Born Rich (Hongkong, 2009)

Vor zwei Jahren habe ich mich schon mal an Hongkong-Seifenoper Born Rich gewagt; hauptsächlich deshalb übrigens, weil mich der Titel an die grottige US-Soap Reich und schön erinnerte und ich wissen wollte, ob man in Hongkong den gleichen Schund zustande bringt. Nach der Hälfte habe ich Born Rich wieder aus den Augen verloren. Dabei befand ich mich doch mittendrin im Sog der anfangs durchaus spannenden Handlung. Jetzt bei nochmaliger (und vollständiger) Sichtung ist mir wieder bewusst geworden, warum es einem die Serie nicht leicht macht: arg hölzernes Spiel und Passagen, die sich extrem ziehen …

Born Rich

Nachdem Banker Cheuk Yat-Yuen (Ray Lui) und seine Schwester Cheuk Yat-Sum (Anita Yuen) im Ferienparadies Malaysia den Betrüger Sa Fu-Loi (Gallen Lo) für ihren Halbbruder Cheuk Yat-Ming halten, nehmen sie ihn mit nach Hongkong, wo er nicht nur eine tolle Villa geschenkt, sondern auch schnell eine Stelle in der familieneigenen Cosmo-Bank angeboten bekommt. Als Yat-Yuen im Ausland gekidnappt wird, kehrt er als gebrochener Mann zurück, der Trost bei seiner Ex-Geliebten Tung Ling-Chi (Kenix Kwok) sucht, was natürlich seine Eheprobleme mit Connie (Jamie Chik) schürt. Sa Fu-Loi/Yat-Ming nutzt das aus, um in der Bank aufzusteigen. Yat-Sum hat sich inzwischen in ihren vermeintlichen Bruder Yat-Ming verliebt und Yat-Ming, der ihre Liebe nicht erwidern kann, ohne seine Tarnung auffliegen zu lassen, beschließt zuletzt alles auf eine Karte zu setzen – selbstverständlich auf die falsche, die sämtliche Figuren ins Verderben stürzt.

So viel zur Kurzfassung der Handlung. Born Rich wäre aber keine 41-teilige TVB-Serie, wenn sie nicht durch viele kleine (oft unnötige) Nebengeschichten aufgebläht wäre. Die Scheidung zwischen Yat-Yuen und seiner Frau Connie nimmt zwar einen relativ großen Raum ein, aber gerade das Schicksal der Kinder wird nur marginal und extrem hölzern behandelt. Im Grunde ist das aber gut so, da die beiden Kinder so enorm schlecht spielen und sich absolut idiotisch benehmen müssen, dass es sowieso unerträglich ist. Ansonsten gibt es kleinere und größere Probleme in der Arbeit zu bewältigen (was leider ziemlich langweilig ist) und die üblichen Liebesdreiecke. Da hätten wir Yat-Sum, Yat-Ming und Topman (Joe Ma) bzw. Yat-Yuen, Connie und Ling-Chi bzw. die absolut unnötige Nebengeschichte zwischen Cheuk-Cousine Yan (Sharon Chan), Sa Fu-Lois Kumpel Sa Bo-Loi (Kenneth Ma) und Kollege Tiger (Vincent Wong) – wobei Yat-Ming das Dreieck kurzzeitig zum Viereck ausweitet.

Die Handlung franst also in viel zu viele Nebenstränge aus, die Kerngeschichte wird teilweise vollständig aus den Augen verloren und wenn sich gerade alle mal lieb haben, ist das unerträglich kitschig. Da gibt’s dann Karaoke-Sessions, Wii-Spielen oder Puzzle-Machen mit der ganzen Familie (als hätte ein Bankenchef nix Besseres zu tun)! Dadurch geht die Spannung natürlich flöten, zumal man hier dann auch gern auf familiäre Heiterkeit setzt, was mit absolut doofer Musik untermalt ist. Kein Wunder, dass selbst einige der Darsteller, allen voran Ray Lui, der mir eher als Söldner in Actionfilmen ein Begriff ist, die schlechte Handlung öffentlich kritisiert haben. Aus dem Stoff hätte man durchaus einen spannenden Thriller machen können, man verlässt sich dann aber doch zu sehr aufs familientaugliche Geplänkel in künstlichen Kulissen anstatt sich in kompakterer Form auf die Kernhandlung (Betrüger unterwandert das familiäre Geschäft) zu konzentrieren. Gerade die Villa der Familie Cheuk sieht man nur von innen in viel zu bühnenhaften riesigen Räumen. Sieht man das Haus mal von außen, dann höchstens am großen Tor der Einfahrt (durfte man innen wohl nicht drehen) oder einer computeranimierten Draufsicht. Das Haus befindet sich nämlich ganz oben auf Victoria’s Peak, wo die Superreichen wohnen. Deshalb hat die Familie durch die Panoramafenster auch einen wunderbaren Ausblick über Wanchai und Central. Dumm nur, dass der Fensterblick wie eine Fototapete wirkt, so dass ich mich ständig bei dem Gedankengang ertappt habe: »Warum haben die eigentlich keine Fenster? Ach so, die Riesenfotografien an den Wänden sollen ja die Fenster sein.« Die Musik hängt außerdem penetrant über den Szenen, ist lustig, wenn es eine witzige Szene ist, überdramatisch, wenn es sich um eine dramatische Szene handelt, und Spannungsmusik, wenn man uns suggerieren will, dass jemand unangenehm überrascht wird. Außerdem werde ich wohl nie verstehen, warum es bei TVB als hip gilt, aus einer so tiefen Perspektive zu filmen. Sieht nämlich meistens ziemlich dämlich aus. Oder will man prahlen, dass man sich für seine Kulissen auch Zimmerdecken leisten kann?

Die schauspielerischen Leistungen reichen von akzeptabel über hölzern bis hin zu unfreiwillig komisch, was meistens dann der Fall ist, wenn jemand besonders seriös wirken will. Am besten hat mir Anita Yuen gefallen, die sich ja auch in Spielfilmen einen Namen gemacht hat. Sie spielt von allen am überzeugendsten und natürlichsten und ist immer top gekleidet. Kenix Kwok glaubt offensichtlich, sie könne sich allein auf ihr Aussehen verlassen (leider falsch, Frau Kwok!) und Nancy Sit als Familienoberhaupt agiert teils unfreiwillig komisch. Sie muss aber auch extrem depperte Szenen über sich ergehen lassen. Da wirft sie sich vor Wut wie ein Kleinkind strampelnd auf den Boden, bekommt bei jeder Gelegenheit einen halben Herzkasper und ist beim überflüssigen Familiengeplänkel immer ganz vorn dabei. Ray Lui sieht jünger aus als in seinen 80er-Jahren-Actionern und macht einen dementsprechend künstlichen Eindruck. Außerdem offenbart er ziemlich schnell, dass er einfach kein Charakterdarsteller ist, weshalb sein Agieren streckenweise ziemlich lächerlich wirkt. Gallen Lo scheint hin- und hergerissen zwischen Gut und Böse und bekommt den Spagat nicht richtig hin. Seine dunkle Seite gefällt mir eigentlich besser, nur soll er größtenteils Sympathieträger sein, so dass man seine betrügerischen Absichten gern mal unter den Teppich kehrt. Dumm nur, dass das Durchbrechen seiner dunklen Seite in den letzten Folgen dann wie eine 180°-Wende wirkt, die man nicht ernst nehmen kann. Und sein endgültiges Schicksal ist dann so was von dämlich, dass man der Serie einen ganzen Punkt allein dafür abziehen kann. Denn an Beknacktheit kommt Sa Fu-Lois Los an jenes hin, das Gallen Los Figur in When A Dog Loves A Cat erleiden durfte. Wenig konsequent also.

Trotz aller negativen Punkte hat Born Rich auch gute Seiten. Nach einem überaus gelungenen Auftakt folgt zwar im Mittelteil eine ziemliche Durststrecke. Doch wer die durchhält, wird mit einem bombastischen Finale belohnt, das zwar ziemlich über die Stränge schlägt und dabei nicht immer konsequent bleibt, aber mit seiner Hochspannung für die vorangegangenen 20 Folgen Bisi entschädigt. Denn hier zeigt sich, dass Born Rich ein packender Thriller hätte werden können, hätte man sich auf die Kernhandlung konzentriert, das Tempo angezogen und alles Überflüssige rausgeschmissen. Geblieben wäre eine Mischung aus Intrigen, Gier, Affären, Entführung, emotionaler Demütigung, Vergewaltigung, tödlichen Kollateralschäden bis hin zu Mord, Bombenexplosion und Erpressung. Aufgeweicht durch harmloses Sitcom-Geplänkel verliert das aber an Wirkung und wirkt eher deplatziert bis einfach blöde. Schade.

Bei einem Titel wie Born Rich hat man ja nichts anderes erwartet als eine primitive Seifenoper, aber nach einem überraschend gelungenen Auftakt in den ersten Folgen ist man doch recht schnell enttäuscht, wie lahm und zahm sich die Geschichte bis zum wieder hochspannenden Finale entwickelt. Zu viel Überflüssiges verwässert die an sich interessante Handlung und macht daraus eine mäßige Vorabendserie, die sich für was ganz Tolles hält, es aber leider nicht ist. Obwohl ich schon nichts Besonderes erwartet habe, bin ich doch enttäuscht worden. Zum Glück sind in meiner Erinnerung fast nur die guten Szenen hängen geblieben, weil man das Unnötige sowieso sofort wieder vergisst. Und deshalb vergebe ich fünf Punkte, obwohl die Serie das vermutlich gar nicht wert ist. Ich kann eben auch inkonsequent sein.

© Shaoshi, 30. Juni 2013
5/10

富貴門 | Fu Gwai Moon
Hongkong • 2009 • Drama [Serie]
Episoden | 39-41 Episoden (je nach Ausstrahlungsgebiet)
Produzent | Chong Wai-Kin
Drehbuch | Au Koon-Ying
Darsteller | Ray Lui, Anita Yuen, Gallen Lo, Nancy Sit, Joe Ma, Lau Kong, Jaime Chik, Coleman Tam, Fung So Bor, Kenneth Ma, Lau Siu-Ming, Kenix Kwok, Hui Siu-Hung, Angelina Lo, Sharon Chan, Lee Sing-Cheung, Vincent Wong, Wong Kei-Sen, Eileen Yeow, Ko Jun-Man, Savia Tsang, Lily Leung, Bond Chan, Bowie Wu, Yu Tze-Ming, Deno Cheung, Kong Hon, Paul Chun Pui, Patrick Dunn, Hugo Wong, Jacky Yeung, So Yun-Chi, Lam Shuk-Man, Snow Suen, Tsang Yuen-Sa, Chloe Nguyen, Amy Tsang, So Man-Chung, Tang Yu-Dang, Ricky Wong, Martin Tong, Fu Kim-Hung, Yeung Ching-Wa, Ho Jun-Hin, Coson Ning, Candy Chu, Wu Kei-Fung, Kwong Chor-Fai, Phoebe Chan, Gill Mohindepaul Singh, Kwok Tak-Shun

Und wie gefällt Euch die Serie?

Cover-Quelle: movie.douban.com

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