Filmkritik | Laborer’s Love (China, 1922)

Dieser Artikel ist Teil unserer Serie Retrospektive | Der frühe chinesische Film.


Laborer’s LoveIm Jahr 1922 gründeten Zhang Shichuan und Zheng Zhengqiu (†1935) die Mingxing Film Company in Shanghai, die bald zu einer der wichtigsten Filmgesellschaften Chinas aufsteigen sollte. Zunächst versuchten sie allerdings, sich mit drei Komödien über Wasser zu halten. Eine davon war der Kurzfilm Laborer’s Love – der älteste noch existierende Film aus China!

Der gutherzige Obstladenbesitzer Cheng (Zheng Zhegu), der früher einmal Handwerker war, liebäugelt mit der Arzttochter (Yu Ying) von gegenüber. Ihr Vater (Zheng Zhengqiu) möchte sie allerdings nur mit jemandem verheiraten, der seine Geschäfte ankurbeln kann. Denn ihm bleibt in letzter Zeit die Kundschaft aus. Also überlegt Cheng, wie er dem Arzt mehr Kundschaft beschaffen kann. Als er eines Nachts nicht schlafen kann, weil seine Mahjongg-spielenden Nachbarn so laut sind, hat Cheng eine Idee: Er möchte eine Treppe präparieren. Ob das gut geht?

Obwohl Laborer’s Love eine unterhaltsame Komödie darstellen soll, setzen Zheng und Zhang wie in vielen ihrer Filme auch auf die Darstellung der damaligen Gesellschaft. Diese hatte sich gerade dahingehend entwickelt, dass traditionelle Ansichten aufgeweicht wurden und nun u.a. auch das Konzept von Liebe gesellschaftsfähig wurde. So kann Obsthändler Cheng im Film offen mit seiner Angebeteten flirten, die durchaus auf seine Annäherungsversuche eingeht und seine Obstgeschenke gern entgegennimmt. Einer Hochzeit steht also nur der geldgierige Vater im Wege – und das nicht etwa, weil er Cheng als ungeeigneten Schwiegersohn hält, sondern weil sich Cheng erst als geschäftsfördernd beweisen muss. Cheng, der im Grunde ein harmloser Zeitgenosse ist, greift also für seinen Liebesbeweis bald schon zu drastischeren Mitteln. Obwohl er für seine Ziele in Kauf nimmt, dass andere zu Schaden kommen, sympathisieren wir mit ihm. Immerhin verstehen wir, weshalb sich Cheng als Opfer ausgerechnet die Mahjongg-spielenden Rüpel ausgesucht hat.

Die simple Geschichte wird mit charmantem Witz, über den man auch heute noch gelegentlich schmunzeln kann, erzählt. Längen entstehen auch keine, denn an mancher Stelle wird einfach im Zeitraffer gezeigt, was passiert. Das Bildmaterial von Laborer’s Love ist selbstverständlich nicht das Beste, aber wenn man bedenkt, dass der Film schon gute 90 Jahre auf dem Buckel hat, ist es immer noch akzeptabel. Interessant ist auch, dass die Zwischentitel auf Chinesisch und passablem Englisch gereicht werden, was zeigt, dass man schon sehr früh auf eine gewisse Internationalität Wert gelegt hat.

Der 22 Minuten lange Film Laborer’s Love ist kurzweilig erzählt und gibt uns einen interessanten Einblick in die chinesische Filmgeschichte, die ihre Vorbilder ganz klar im Westen gefunden hatte. Deshalb sollte sich jeder, der sich ernsthaft für chinesischen Film interessiert, Laborer’s Love einmal ansehen. Immerhin haben wir es hier mit dem ältesten noch existierenden, chinesischen Film zu tun, der obendrein noch von den chinesischen Pionieren des Metiers gemacht wurde.

© Shaoshi, 28. Juni 2013

劳工之爱情 | Laogong Zhi Aiqing
China • 1922 • 22 Min • Komödie [Kurzfilm/Stummfilm]
Alternativtitel | Romance Of A Fruit Peddler
Regie | Zhang Shichuan
Drehbuch | Zheng Zhengqiu
Darsteller | Zheng Zhegu, Zheng Zhengqiu, Yu Ying

Und wie gefällt Euch der Film?

Cover-Quelle: movie.douban.com

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