Filmkritik | Das Hochzeitsbankett (Taiwan / USA, 1993)

Das Hochzeitsbankett»Ich dachte immer, Chinesen wären alle unterwürfige Mathegenies«, sagt ein amerikanischer Gast während des titelgebenden chinesischen Hochzeitsbanketts. Dass dem nicht (immer) so ist, zeigt der taiwanesische Regisseur Ang Lee eindrucksvoll mit seinem zweiten Spielfilm Das Hochzeitsbankett, mit dem ihm der internationale Durchbruch gelingen sollte. Nach Schiebende Hände ist Das Hochzeitsbankett der zweite Teil einer losen Trilogie, die sich um die Vaterfigur rankt, dementsprechend als Father Knows Best-Trilogie bekannt ist und mit dem klasse Eat Drink Man Woman ihren krönenden Abschluss findet.

Auch im preisgekrönten Film Das Hochzeitsbankett steht die Familie wieder einmal im Mittelpunkt. Wenn auch eher unfreiwillig. Denn Yuppie Wai Tung (Winston Chao) lebt schon seit Jahren mit seinem Freund Simon (Mitchell Lichtenstein) in New York, während seine Eltern zu Hause in Taiwan nicht einmal ahnen, dass ihr Sohnemann schwul sein könnte. Seit Neuestem beginnen sie Wai Tung außerdem zum Heiraten und Enkelkinderzeugen zu drängen, was dem natürlich gar nicht gefällt. Da kommt Simon die rettende Idee, um die nervenden Eltern zum Schweigen zu bringen: Wai Tung soll eine Scheinehe mit der verzweifelten Chinesin Wei Wei (May Chin) eingehen, denn die braucht sowieso eine Aufenthaltsgenehmigung für die USA, die mit einer Heirat gegeben wäre. Doch der Plan geht nicht auf, denn plötzlich tauchen Wai Tungs Eltern in New York auf, um ein pompöses Hochzeitsbankett zu organisieren. Ab da wird es erst richtig chaotisch.

Bei Hochzeitskomödien oder Schwulenkomödien ist es ja in der Regel so, dass mit Klischees und schmerzhaft übertriebenen Szenen nur so um sich geworfen wird, um dann ein zwar eventuell unterhaltsames, aber absolut niveauloses Ergebnis vorzuweisen. Was für ein Glück, dass es Ang Lee ganz anders macht. Zunächst einmal schlägt seine Komödie eher ruhige und sogar sensible Töne an. So übertrieben turbulent wie in amerikanischen Genre-Vertretern wird es dabei natürlich nie und das ist gut so. Denn Ang Lee konzentriert sich auf seine Figuren, auf deren Beziehungen untereinander und das Leben der Chinesen, die es auch schaffen, in der Ferne ein großes, typisch chinesisches Hochzeitsbankett zu schmeißen. Ang Lee jongliert dabei nicht nur geschickt mit kulturellen Unterschieden zwischen China und den USA, er macht auch den Generationskonflikt zum zentralen Thema. Freilich wird das Leben aller hart auf die Probe gestellt, wenn sich die Eltern bei Wai Tung einquartieren, sein Freund und Mitbewohner sich fortan als ebenfalls im Haus wohnender Vermieter und Wei Wei sich als glückliche Verlobte ausgeben muss. Obwohl Wai Tung seine Homosexualität natürlich mit allen Mitteln vor seinen Eltern geheim halten will, geschieht dies auf sehr natürliche, bodenständige Weise. Die gängigen Klischees und niveaulose Witze lässt man dabei außen vor, was sehr löblich ist. Aber für seine feinfühlige Art ist Ang Lee ja bestens bekannt. Es wundert dann auch nicht, dass man immer wieder, weil man aufeinander Rücksicht nehmen will, das Familienleben lieber dank einer Lüge beschaulich hält, als die Wahrheit auszusprechen.

Beim Hochzeitsbankett selbst, das den Höhepunkt des Films markiert, wird es dann wieder laut und bunt. Ang Lee, der beim Hochzeitsbankett selbst in einem kurzen Auftritt als Hochzeitsgast ein paar kluge Worte sprechen darf, verarbeitet hier seine eigenen Erlebnisse auf chinesischen Hochzeiten und begeistert Chinesen mit einem realistischen Einblick in traditionelle und moderne Hochzeitsbräuche und zeigt den Westlern ein tolles Beispiel dafür, dass Chinesen weit mehr sind als die steifen, unterwürfigen Figuren, die im Kastendenken der westlichen Welt immer noch gerne vorherrschen.

Zwischen all dem leisen Humor, der pointierten Situationskomik und der fröhlichen Hochzeitsfeier bleibt immer noch Platz für unterschwellige Melancholie, so dass Das Hochzeitsbankett kaum nur als reinrassige Komödie denn genauso als Drama durchgehen könnte. Es ist eine tolle Mischung, die uns Ang Lee hier präsentiert. Wer intelligente Familienkomödien mag, kommt bei Das Hochzeitsbankett ganz auf seine Kosten. Zwar ist der Nachfolger Eat Drink Man Woman um einiges vielschichtiger, weil er sich verschiedenen Problemen der einzelnen Figuren widmet, doch auch in Das Hochzeitsbankett gilt es eine Menge realistisch gezeichneter Alltagspersonen durch die rund 100 Minuten zu begleiten. Einfach wunderbar.

© Shaoshi, 17. Januar 2010
8/10

喜宴 | Hsi Yen
Taiwan | USA • 1993 • 103 Min • FSK 6 • Komödie
Regie | Ang Lee
Drehbuch | Ang Lee, Neil Peng, James Schamus
Darsteller | Gua Ah-Lei, Lung Sihung, May Chin, Winston Chao, Mitchell Lichtenstein, Jeanne Kuo Chang, Paul Chen, Chou Chung-Wei, Yun Chung, Fu Ho-Mean, Michael Gaston, Jeffrey Howard, Theresa Hou, Hsu Yung-Teh, Jean Hu, Albert Huang, Ang Lee [Cameo]

Und wie gefällt Euch der Film?

Cover-Quelle: movie.douban.com

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