Serie | Relentless Justice (Hongkong, 2006)

Relentless JusticeDas ATV-Anwaltsdrama Relentless Justice, das bald schon zum handfesten Seifenoper-Thriller mutiert, braucht sich nicht vor den Produktionen des mächtigen Konkurrenzsenders TVB verstecken.

Relentless Justice
義無反顧

Die Story klotzt richtig ran. Dabei fängt alles recht harmlos an: Chin Bo-Wing (Law Kar-Ying) war einst Chauffeur für den Kopf der reichen Industriellenfamilie Cheung (Kenneth Tsang). Nach einem Mordfall wird Bo-Wing ins Gefängnis geworfen und seine Frau und Kinder aus der Villa verstoßen. Während Bo-Wings Frau bald das Zeitliche segnet, kommen die Geschwister Ji-Kong (Patrick Tam) und Ji-Jing (Lulu Ng) bei Hau-Yi (Deanie Yip) und ihrem Sohn Fai-Wong (Hawick Lau) unter. Sie wachsen wie eine Familie zusammen auf. Mehr als zwanzig Jahre später ist Ji-Kong ein angesehener Anwalt in Hongkong und auch Fai-Wong kommt gerade von seinem Jurastudium im Ausland zurück. Weil Fai-Wong nicht länger im Schatten seines Beinahe-Bruders Ji-Kong stehen will und er dann auch noch finanziell ausgerechnet von Cheung ein tolles Angebot bekommt, verfällt er bald schon der Gier nach Macht, Erfolg und Geld—und geht dabei sogar über Leichen.

Während Relentless Justice in der ersten Hälfte ein waschechtes Anwaltsdrama ist, in dem Ji-Kong versucht, seinen Vater endlich aus dem Gefängnis freizukriegen, konzentriert sich der Mittelteil der Serie eher auf den Wandel von Fai-Wong zum skrupellosen Bösen und den Zerfall des anfangs fast noch widerwärtig beschaulichen Gefüges, wobei das letzte Drittel der Serie dann die auswegslose Situation beschreibt, die sich zunehmend für alle verschlimmert. Und das mit allen Mitteln: von (tödlichen) Unfällen, Familienfehde, Vaterschaftstest, Krankheiten, Krüppeln, Gefängnisalltag, Vergewaltigung, Intrigen, Wirtschaftsdrama, Gerichtsverhandlungen, Triaden, verschleppten Personen und Aufnahme in der Nervenheilanstalt ist alles vertreten. Leider läuft Relentless Justice gegen Ende hin dann etwas zu sehr aus dem Ruder, weshalb das Ende nur bedingt befriedigt. Auch wirken die Geschehnisse am Ende etwas zu gestrafft, während man die ersten zwei Drittel stellenweise etwas zu ausführlich erzählt hat. Mit der tödlichen Krankheit gegen Ende der Serie macht man es sich mit der Dramatik dann auch noch etwas zu einfach. Insgesamt passt sie aber ins Bild, hätte man sie nur ein wenig dezenter eingesetzt—und hätte man diese Thematik in asiatischen Dramen nicht schon so unzählige Male vorgesetzt bekommen.

Die Serie, die sich über mehrere Jahre erstreckt und auch mal drei Jahre Gefängnisaufenthalt einer Hauptperson umfassen kann, legt den Fokus klar auf die Beziehungen der handelnden Personen und wie sich die der meisten Figuren im Laufe der vierzig Folgen oft radikal verändern. Gerade Deanie Yip als liebevolle Ziehmutter Hau-Yi hat eigentlich eine starke Rolle, die leider etwas zu sehr in den Hintergrund rückt. So darf sie die meiste Zeit nur lächelnd beobachten, wie sich andere freuen, und ihren Kindern hinterherräumen. Patricia Liu als Cheungs verzogene Tochter Kiki macht eine Wandlung von der starken Zicke zur verkrüppelten Gebärmaschine durch, was schade ist, da ihre Figur im Laufe der Serie immer blasser wird. Dagegen spielen Patrick Tam und Hawick Lau als Beinahe-Brüder, die bald zu Feinden werden, mit Seele und sehr bildschirmpräsent, wenn auch vor allem Hawick Lau das ein oder andere Mal etwas steif wirkt. Ihre starken Figuren haben gute und schlechte Seiten, auch wenn der eine ganz klar auf der Seite der Guten, der andere auf der Seite der Bösen steht. Auch weitere Figuren bleiben nicht blass. So hat Ji-Kongs Praktikantin und spätere Verlobte Sam (Amy Kwok) ganz eigene Probleme mit ihren Eltern, die zwischenzeitlich mal in den Vordergrund rücken, seine Schwester Ji-Jing (Lulu Ng) bleibt zwar eher blass, hat aber in ihrer eher seltenen Präsenz durchaus ihre ganz starken Momente. Mit Kenneth Tsang, Law Kar-Ying und auch Gabriel Harrison hat man sogar recht große Gesichter aus der Filmwelt gewonnen, was durchaus (vor allem im Fall der beiden erstgenannten) als Bereicherung gilt.

Die Kulissen sind in Relentless Justice seifenopermäßig etwas zu pompös ausgefallen. Da mutet das Wohnzimmer in der Villa der Cheungs eher wie eine Theaterbühne an (wobei die Schritte der Personen in diesem Raum auch noch danach klingen). In vielen Szenen sieht man den Räumen auch an, dass sie in derselben Kulisse gedreht wurden, so dass man sich manchmal etwas verwirrt fragt, ob sich die Möbel tatsächlich in einem anderen Gebäude oder doch eher nur in einer anderen Ecke eines großen Zimmers befinden.

Fazit

Freilich sieht Relentless Justice irgendwie nach Low Budget-Produktion aus, aber das macht nichts, da die Story und die Schauspieler überzeugen. Die komplizierten Beziehungsgeflechte, der Wandel der Figuren, das Hongkong-Flair und das ganze Setting in einer Welt voller Anwälte und Geschäftsmänner hat schon was und die Story kann durchaus auch mit Spannung punkten. Auch wenn man bei Relentless Justice hier und da mal ein Auge zudrücken muss, nicht alles immer ganz sauber inszeniert wurde und die ein oder andere Szene nun wirklich nicht nötig gewesen wäre, so überzeugt die Serie doch die meiste Zeit. Schön auch, dass man immer versucht, die Handlung so realistisch wie möglich zu halten, auch wenn das natürlich nicht immer ganz geklappt hat. Relentless Justice ist eine tolle Hongkong-Serie mit spannendem Verlauf, einem tollen Flair und einer tollen Darstellerriege. Empfehlenswert.

© Shaoshi, 1. März 2009
8/10

Und wie gefällt Euch die Serie?

義無反顧 | Yi Mo Fan Gu
Hongkong • 2006 • Anwaltsdrama [Serie]
Alternativtitel | No Turning Back
Episoden | 40 Episoden à ca. 40 Min.
Darsteller | Patrick Tam, Amy Kwok, Hawick Lau, Lulu Ng, Kenneth Tsang, Law Kar-Ying, Gabriel Harrison, Patricia Liu, Poon Chi Man, Deanie Ip, Bao Hei Jing, Lau Shek Yin, Vivian To, Philip Keung

Cover-Quelle: movie.douban.com

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