Serienkritik | Moonlight Resonance (Hongkong, 2008)

Moonlight Resonance

Weil die TVB-Serie Heart Of Greed 2007 so erfolgreich war, schickte der mächtige Hongkonger TV-Sender ein Jahr später ein indirektes Sequel auf den Markt. Außer einem Cast, der größtenteils derselbe ist, und einer ähnlichen Thematik haben Heart Of Greed und Heart Of Greed II, das wohl eher unter dem Titel Moonlight Resonance bekannt ist, nicht allzu viel gemein. Und wo Heart Of Greed schon hochgelobt wurde, setzt Moonlight Resonance noch einen drauf. Die Serie räumte nicht nur noch mehr Preise als der Vorgänger ab, sondern gilt inzwischen auch bezüglich der Einschaltquoten als die bis dato erfolgreichste Serie Hongkongs.

Chung Siu-Hor (sympathisch mütterlich: Louise Lee) und Kam Tai-Cho (spielfreudig: Ha Yu) betreiben eine kleine Bäckerei und führen auch sonst mit ihren sechs Kindern ein glückliches Familienleben, bis Cho eine Affäre mit Hors Freundin Yan Hong (eine schön fiese Michelle Yim mit helmartigen Haarschnitt) eingeht und sich schließlich von Hor scheiden lässt, um Hong zu ehelichen. Das Sorgerecht der Kinder wird auf beide Eltern verteilt, so dass die Familie fortan so auseinandergerissen weiterleben muss.

Hor eröffnet bald eine neue Bäckerei und bekommt dabei viel Unterstützung von ihren Kindern, dem fleißigen Ho (schön emotional: Raymond Lam), der stummen Hing (etwas zu fröhlich: Fala Chen) und ihrer hitzköpfigen Adoptivtochter Yuet (eindringlich: Tavia Yeung). Cho erweitert die alte Bäckerei inzwischen mit Hongs Hilfe zu einem großen Imperium. Während Sohn Yuen (blass: Chris Lai) seine Stiefmutter Hong bald als neue Mutter akzeptiert, gehen der lustige Ka (witzig: Moses Chan) und der verschüchterte Chung (überflüssig: Vincent Wan) lieber eigene Wege und schlagen sich zehn Jahre später wieder auf die Seite ihrer echten Mutter Hor. Und auch Hongs Tochter Sum (süß: Linda Chung), die einst mit den Kindern Mama Hors wie eine Schwester aufwuchs, ist zwischen beiden Familien hin und hergerissen, viel mehr noch, da sie und Ho noch immer Gefühle füreinander hegen.

Erzählt wird nun vom Auf und Ab der beiden Familien, von Liebe, Freundschaft, Loyalität, Verrat, Gier und Intrigen. Im Gegensatz zu vielen anderen asiatischen Serien, die oftmals eher dröge anfangen und erst nach ein paar Folgen so richtig an Fahrt gewinnen und das Interesse des Zuschauers einfangen, punktet Moonlight Resonance von Anfang an. In Rückblenden wird das Scheidungsdrama vor zehn Jahren beleuchtet, als die sechs Kinder auseinandergerissen werden, die eigentlich alle viel lieber bei Mama Hor bleiben wollen. Vater Cho, der anfangs eher als der Bösewicht, der seine Familie zugunsten einer jüngeren Frau verlässt, dargestellt wird, vollzieht nach zehn Jahren plötzlich einen Wandel, taucht nicht nur regelmäßig zum Essen seiner Kinder auf und gewinnt wieder das Vertrauen seiner Ex-Frau Hor, sondern ihm wird sein Leben in der Villa mit seiner neuen Frau Hong bald zu viel, als er merkt, wie sehr sie ihn kontrolliert und ihm schlussendlich sogar sein Bäckereiimperium streitig macht, wobei die Serie in den letzten Folgen fast zum Gerichtsdrama mutiert.

Moonlight Resonance besticht nicht gerade durch eine dichte Handlung. Jede Folge konzentriert sich meist ein wenig auf eine Person und ihre Geschichte. Und Geschichten haben sie alle: Raymond Lam spielt als Sohn Ho eine besonders wichtige Rolle. Er ist nur wenig gebildet, dafür umso loyaler und hilft seiner Mutter ohne zu Murren in der Bäckerei. Sein Herz hängt noch immer an seiner Jugendliebe Sum und nichts wünscht man sich mehr, als dass er wieder mit ihr zusammenkommt. Nur interessiert sich die angehende Ärztin zur Zeit viel mehr für ihren Kollegen Chi-Sun (elegant: Bosco Wong), der wiederum auch für einiges an Drama sorgt. Tavia Yeung hat als Adoptivtochter Yuet ebenfalls eine starke Rolle. Sie fühlt sich durch böse Zungen immer wieder als Außenseiterin, reißt hier und da aus und entwickelt dann auch noch Gefühle für ihren Nur-auf-dem-Papier-Bruder Ka, der mit seiner schwarzrandigen Brille und dem eher dümmlichen Gesicht nicht gerade das Schönheitsideal der Europäer darstellt, den man aber trotzdem schnell ins Herz schließt. Anfangs süchtig nach dem Handeln an der Börse, gründet er später eine PR-Firma und hat da alle Hände voll zu tun. Trotz eines schwachen Herzens bewahrt er sich den Lebensmut und fühlt sich auch noch als Frauenheld. Fala Chen als die stumme Schwester spricht lebhaft in Zeichensprache, nur spielt sie dadurch teils etwas zu übertrieben mit Mimik und Gestik. Zudem störend ist hier, dass ihre Worte nicht mit Untertiteln eingeblendet werden, sondern leider aus dem Off von ihr gesprochen werden, was ihre Stummheit leider etwas zunichte macht. Sie zieht nicht nur hinaus, um ganz allein in der Arbeitswelt trotz ihrer Stummheit zu kämpfen, sondern hat auch noch eine Liebesgeschichte, die leider etwas arg zusammengefasst wurde und spätestens nach einer Hochzeit völlig verblasst.

Die letzten beiden Brüder Chung und Yuen sind dann fast völlig überflüssig. Chris Lai, der als Yuen in weiten Teilen der Serie überhaupt nicht vorkommt und erst gegen Ende dank seiner Vergangenheit, die seine Abhängigkeit von Hong erklärt, wichtiger wird, vergisst man manchmal fast und Vincent Wan als Chung, der nicht mehr in England studieren möchte und sich deshalb lieber in Mama Hors Nest zurückflüchtet, mag zwar seine wichtigen Auftritte in zwei, drei Folgen haben, aber ansonsten bekommt er kaum eine Sprechrolle und hat auch sonst nichts zu tun. Das gleiche gilt für Mama Hors Vater (niedlich: Chow Chung), der als Opa ebenfalls in Hors Wohnung wohnt. Er bekommt leider in keiner Folge eine größere Rolle und ist oft abwesend, hat aber seine kleinen starken Momente, etwa, wenn er als niedlicher Alter mit seinem Sparbüchlein zur Bank geht, um für seine Tochter sein hart Erspartes abzuheben. Hors Schwester Sa (schrill: Susanna Kwan) fährt dahingegen wieder ganz andere Geschütze auf. Sie zieht nicht nur schon bald nach einer gescheiterten Ehe aus ihrer Wahlheimat Portugal zurück in Mama Hors Wohnung, sondern stifitet mit ihrer Geldgier und ihrem vorlauten Mundwerk für allerlei Ärger, was sich noch verschlimmert, als ihre wetterwendische Tochter Ka-Mei (hinterhältig: Kate Tsui) ebenfalls zurückkommt.

Louise Lee spielt die rundum gütliche Vielfachmutter Hor, die sich für ihre Familie aufopfert, ein wenig dicklich ist und eine Brille trägt, so überzeugend sympathisch, dass man gern vergisst, dass sie nur eine Rolle spielt, und schließt sie auf der Stelle ins Herz. Umso dramatischer ist es natürlich anzusehen, welchen Intrigen sie immer wieder zum Opfer fällt. Ha Yu als ihr Ex-Mann Cho ist zu Beginn eher unsympathisch, aber auch ihn mag man bald nicht mehr missen. Mit einem Augenleiden und dem Hang sich zu betrinken wird er lebendig dargestellt und obwohl er ein reicher Mann ist, wird immer mehr deutlich, was für ein Loser er eigentlich ist. Diese Twists hat Ha Yu so gut porträtiert, dass er bei den 41. TVB Anniversary Awards völlig zu Recht einen Preis als bester Schauspieler bekam. Auch Michelle Yim hat einen solchen Preis gewonnen. Als die hinterhältige Hong, die im Laufe der Serie immer mehr von ihrem fiesen Potential durchscheinen lässt, ist sie so widerwärtig, dass der Zuschauer sie nicht nur regelrecht hasst, sondern gerade zum Ende hin wie unsere gute Familie auch durchaus in eine Ohnmacht verfällt, weil fraglich ist, wie man gegen ein solches Biest gewinnen kann.

Die Auflösung nach vierzig Folgen ist zwar nicht sonderlich überraschend, birgt aber immerhin einige Überraschungen auf dem Weg dorthin—wobei man leider zugeben muss, dass die Romanzen am Schluss etwas unkreativ und lasch abgeschlossen werden. Die Serie ist nämlich durchaus spannend geraten und bietet neben den traurigen, ernsten Momenten auch witzige Augenblicke. Ein Auf und Ab wie im echten Familienleben eben, auch wenn bei Moonlight Resonance logischerweise alles etwas krasser dargestellt ist.

Genrebedingt sind leider die Kulissen etwas zu pompös ausgefallen. Das übertriebene Innere von Chos Villa zählt da genauso dazu wie die Wohnung von Mama Hor, die für Hongkongverhältnisse viel zu groß ausgefallen ist, wenn man bedenkt, dass Mama Hor ja eigentlich eher arm sein soll. Die teilweise künstliche Beleuchtung von oben ist typisch Seifenoper, aber insgesamt gibt es auch viele Außenaufnahmen von Hongkong zu sehen, was einem Hongkong-Narren natürlich viel Freude bereitet.

Im Westen mag man vielleicht bemängeln, dass die Familie über alles andere gestellt wird, so dass sich hier wirklich alles im Zentrum der Familie abspielt. Keines der Kinder (alle ca. in ihren Zwanzigern) hat außerhalb der Familie groß Kontakte, ihre wichtigsten Freunde sind ihre Geschwister, doch da die Personenzahl innerhalb der Familie sowieso schon sehr hoch ist, wäre es vermutlicher nur verwirrend geworden, noch weitere Freunde als Nebenfiguren einzuarbeiten. So erzählt Moonlight Resonance also vom Leben einer großen Familie, die, auseinandergerissen, nach zehn Jahren endlich wieder zueinander findet. Gespickt mit allerlei Emotionen, mit Romanzen, Streit, Hochzeiten, Scheidungen, Tod und Schwangerschaften, Geschäftsentwicklungen, Gerichtsverhandlungen, einer Affäre, Krankenhausbesuchen und Familienfesten deckt die Serie so ziemlich jedes Gebiet ab und sollte eigentlich jedem Geschmack etwas bieten. Auch wenn Moonlight Resonance vielleicht nicht in jeder Szene wie eine qualtitativ besonders hochwertige Serie anmuten mag, so macht es ihr Charme wieder wett. Die Spielfreude aller Beteiligten ist ansteckend, der Handlungsverlauf fesselnd und nicht nur dank dem ein oder anderen Cliffhanger spannend. Hier haben sich nicht nur die Schauspieler, sondern auch die Drehbuchschreiber mächtig ins Zeug gelegt, um den Zuschauer zu unterhalten. Auf den ersten Blick sollte also bereits klar sein, dass Moonlight Resonance in der obersten Liga der Hongkong-Serien mitspielt. Wer hier nicht süchtig wird, ist selbst schuld. Serien-Liebling!

© Shaoshi, 28. Mai 2009
10/10

溏心風暴之家好月圓 | Tong Sum Fung Bo Chi Ga Ho Yuet Yuen
Hongkong • 2008 • Familiendrama [Serie]
Alternativtitel | Heart Of Greed II
Episoden | 40 Episodenn à ca. 40 Min.
Regie | Cheung Wah Biu, Sit Ga Wah
Darsteller | Louise Lee, Susanna Kwan, Raymond Lam, Tavia Yeung, Fala Chen, Ha Yu, Michelle Yim, Moses Chan, Linda Chung, Chris Lai, Louis Yuen, Kate Tsui, Chow Chung, Dexter Young, Shirley Yeung, Kawaii Wong, Lee Heung Kam, Vincent Wan, Fung So Bor, Lee Sing Cheung, Lee Gong Long, Jack Wu, Snow Sun, Bosco Wong, Wayne Lai, Mary Hon, Lily Leung, Tracy Yip, Carrie Lam, Lee Kwok Lun, Astrid Chan, Eric Li, Fanny Ip, Amy Ng, Dia Yiu Ming, Chuk Man Kwan, Yeung Ching Wa, Yu Tse Ming, Claire Yiu, Kitty Lau, Matt Yeung, Lo Chun Shun, Hoffman Cheng, Deno Cheung, Raymond Cho, Eddie Lee, Casper Chan

Und wie gefällt Euch die Serie?

Cover-Quelle: movie.douban.com

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2 Gedanken zu “Serienkritik | Moonlight Resonance (Hongkong, 2008)

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