Serienkritik | Tokyo Juliet (Taiwan, 2006)

Ich habe ja seit Ewigkeiten keine Taiwan-Serie mehr gesehen. Gut, da war nach langer Pause I Want To Become A Hard Persimmon letztes Jahr, aber 18 Jin Bu Jin habe ich nach spätestens zwei Folgen wieder aus den Augen verloren (weil dämlich) und sonst gab es nichts mehr, das mich großartig angesprochen hätte. Ist es möglich, dass man sich an Taiwan-Serien sattsehen kann? Vermutlich. Schließlich ähneln sich die meisten in Aufbau, Figuren und Darstellern.

Tokyo JulietDie Pause hat offensichtlich gut getan. Als ich mich an Tokyo Juliet gemacht habe, das ich seit 2007 ungesehen hier rumliegen hatte, da es mich noch nie sonderlich gereizt hat, fand ich es doch ganz nett. Nett – mehr aber auch nicht. Denn Tokyo Juliet krankt an den üblichen Schwächen.

Die taiwanesische Manga-Realverfilmung handelt von Fashiondesign-Studentin Lin Lai-Sui (Ariel Lin) und ihrem Kampf gegen den unverschämt erfolgreichen Designer Chu Xing (Simon Yam). Als sie noch ein Kind war, hat ihr Chu Xing nämlich ihr Kindergeschmiere gestohlen, das er fortan als Logo für sein Label verwendet hat. Weil Suis Vater deshalb seinen Traum vom Designen in die Tonne treten konnte und obendrein noch seine als Model arbeitende Ehefrau an Chu Xing verlor, ist Sui sicher: Der Diebstahl muss gerächt werden! Inzwischen ist sie alt genug, um sich an einer Uni für Fashiondesign einzuschreiben, wo sie gleich am ersten Tag vor versammelter Mannschaft verkündet, schon bald erfolgreicher als Chu Xing zu werden. Dummerweise verliebt sich Sui in Chu Xings Sohn Liang (Wu Chun), der zufällig auf dieselbe Uni geht. Was für ein Glück allerdings, dass der sich schon lange von seinem Vater abgewandt hat und stattdessen voll hinter Sui steht. Sieht also doch alles toll aus für Sui? Dann konstruiert man sich eben Konflikte.

Tokyo Juliet entpuppt sich schnell als typische Romanze, obwohl die an sich interessante Rahmenhandlung um den Designerkrieg ursprünglich etwas anderes versprochen hatte. Im Zentrum stehen also Sui und Liang sowie ihr Auf und Ab in ihrer Liebesbeziehung. Liang gilt als der größte Frauenschwarm des Universums der Universität, der jedes Mädchen haben könnte, sich aber ausgerechnet Sui aussucht. Dabei soll die doch so was wie das 08/15-Mädel von nebenan verkörpern. Aber nicht nur Liang liegt ihr zu Füßen. Praktisch jede männliche Nebenfigur will ihr früher oder später an die Wäsche (Klassenkamerad Ah Si (Bryant Chang), Designer Allio (Tang Zhi-Ping), Superstar Guangxi (Wu Jun-Qiang), BH-Nachwuchsdesigner Lu Yi-Mi (Huang Hong-Sheng)) – wobei die Jungs Verliebtsein mit halben Vergewaltigungsversuchen verwechseln. All das Drama hat nur den einen Zweck, Liang und Sui ein paar Steine in den Weg zu werfen bzw. Liang als den edlen Helden darzustellen, der Sui rettet, beschützt, ihr immer treu bleibt und sie natürlich viel einfühlsamer behandelt als die anderen Trampel. Zur Abwechslung konstruieren sich die Macher jede Menge Missverständnisse und Kleinigkeiten zusammen, aus denen man Elefanten macht. Dann folgt drei Szenen Drama, bevor sich die Turteltäubchen mit Küsschen, Umarmungen und Kuscheleien wieder versöhnen dürfen. Zugegeben, Liang und Sui geben ein nettes Paar ab, aber so interessant wie es die Macher gern hätten, ist ihre Liebesgeschichte eigentlich nicht – schon gar nicht, wenn man diese im ewig gleichen Muster auf 17 Folgen auswalzt. Viel interessanter fände ich eigentlich die Rahmenhandlung rund um Suis Rachepläne an dem gemeinen Designer Chu Xing. Leider bleibt diese Story genau das: eine Rahmenhandlung, die den einen Zweck hat, das Liebesgeplänkel zusammenzuhalten, und oft zugunsten dieses in den Hintergrund tritt. Noch dazu geht man dabei mit einer Naivität ans Werk, dass es wirklich nicht mehr schön ist.

Weibliche Figuren in Idol-Dramas verkörpern das schutzbedürftige Weibchen. Punkt. Und auch wenn Sui zu Beginn laut in die Welt hinausbellt, Chu Xing von seinem Designerthron zu stoßen, bleibt sie im Grunde das naive, plan- und hilflose Weibchen. Eine berechnende, hinterhältige und rachsüchtige starke Frau wie etwa Emily/Amanda (Emily VanCamp) in der hochspannenden US-Serie Revenge passt einfach nicht in eine bunte, zuckersüße, naive und kindische Taiwan-Serie. Schade eigentlich. Denn so stolpert Sui unerträglich passiv durchs Leben. Hat sie einen Plan, wie sie gegen Chu Xing vorgehen kann? Nein. Unternimmt sie aktiv etwas gegen Chu Xing? Nein. Stattdessen tappt sie in jede einzelne Falle von Chu Xing. Er lässt sie entführen und festhalten (und halb vergewaltigen – oder was sollte die seltsame Szene mit Designer Allio im Hotelzimmer?), sie fällt auf einen von Chu Xing angeheuerten Taschendieb rein, verpasst dadurch wichtige Termine und muss jedes Mal den Kürzeren ziehen. Und jedes Mal, wenn die reumütigen Mittäter vor Sui ihr Geständnis ablegen (argh!), ist sie überrascht, dass Chu Xing hinter allem steckt. Anstatt nun selbst einmal die Initiative zu ergreifen, flüchtet sie sich in die Arme eines x-beliebigen Typen, so scheint’s, um sich auszuheulen. Dabei sieht es eigentlich nicht so aus, als sollte Ariel Lin mit Absicht das geistig beschränkte Mädchen spielen, wie sie es in It Started With A Kiss getan hat.

Gerade Ariel Lin hat man es aber zu verdanken, dass die Serie erträglich bleibt. Ich halte sie für eine der besseren Taiwan-Drama-Darstellerinnen; will heißen, sie hat ein gewisses Talent – im Gegensatz zu Schönling Wu Chun, der normalerweise für Taiwan-Boyband Fahrenheit trällert. Aber weil er aus Brunei kommt und sein Chinesisch zu schlecht ist, um längere Sätze verständlich rauszubringen, wurde er von jemand anders nachsynchronisiert. Seine Arbeit besteht also darin, das Hemd drei Knöpfe zu weit offen zu haben, verletzt zu gucken und eine furchtbare Matte auf dem Kopf spazieren zu tragen; alles unter dem Deckmantel übrigens, dass er ja ach so schön ist und Fans ihn pausenlos anschmachten können. Ich konnte ihn noch nie sonderlich leiden.

Mit Ausnahme von Simon Yam kann man die restliche Darstellerriege in der Pfeife rauchen, sind sie erstens Randnotiz und spielen zweitens so übertrieben theatralisch, dass es weh tut. Sämtliche Männer, die Sui an die Wäsche wollen, sind unerträglich. Im Nachhinein betrachtet ist Allio noch der am wenigsten nervigste. Aber was hat man bitte Huang Hong-Sheng ins Essen gemischt? Ihm bei seinen Schauspielversuchen zuzusehen, tut echt weh. Er kreischt jede Zeile, ist hypernervös und so überdreht, dass man meint, er müsste jeden Moment zusammenbrechen. Und die anderen – inklusive Bernice Tsai als Pei Mi-Zi auf der weiblichen Seite – sind irgendwo ein Zwischending zwischen Tang Zhi-Ping und Huang Hong-Sheng und ebenfalls überdreht.

Simon Yam passt da so gar nicht ins Bild. Als Hongkong-Veteran ist er der einzige richtige Schauspieler, der entsprechend geerdet spielt und wie nicht anders gewohnt eine wahnsinnig lässige Figur abgibt. Dabei muss er meistens gar nicht viel tun. Jedoch spielt er schon allein mit seinem vielschichtigen Lächeln alle anderen gegen die Wand. Schade, dass seine Figur vom bösen Designer viel zu kurz kommt. Beweggründe und ein bisschen Menscheln gibt’s erst ganz zum Schluss, davor ist er ein eindimensional gezeichneter Bösewicht, der nur dank Simon Yam nach mehr aussieht als er eigentlich ist.

Trotz all der negativen Punkte entwickelt Tokyo Juliet einen gewissen Sog. Die Liebesbeziehung ist für alle Ariel Lin bzw. Wu Chun-Jünger wie geschaffen, die Rahmenhandlung hält bei der Stange, auch wenn man wenig daraus gemacht hat und das Finale eher antiklimatisch anmutet. Der Humor hält sich relativ stark zurück und kommt nicht ganz so infantil und holzhammermäßig daher wie in vielen anderen Idol-Dramas. Außerdem ist der Titelsong ganz nett und das Milieu (die Fashionwelt) ist an sich interessant, wenn auch absolut naiv und wenig realistisch abgebildet.

Tokyo Juliet reiht sich also ohne viel Aufsehen in die Reihe mittelmäßiger Taiwanserien. Es gibt einige, die besser sind, aber auch eine ganze Menge, die noch viel schlechter sind. Wenn man sein Hirn ausschalten und akzeptieren kann, 17 Folgen lang in eine taiwanesische Märchenwelt abzutauchen, in der ganz eigene Gesetze gelten, kann man sich durchaus unterhalten lassen. Das bedeutet aber auch, absolut lästige Nebenfiguren ignorieren zu können und sich darauf einzulassen, dass die kindlich-naive Serie Kitsch und Romantik weit über Realismus oder schauspielerische Leistungen stellt. Wer diese Fähigkeiten mitbringt, könnte sich mit Tokyo Juliet einigermaßen unterhalten lassen.

© Shaoshi, 5. August 2013
6/10

東方茱麗葉 | Dong Fang Zhu Li Ye
Taiwan • 2006 • 17 Episoden • Romanze
Produzent | Huang Wan-Bo
Regie | Wang Ming-Tai
Darsteller | Ariel Lin, Wu Chun, Simon Yam, Tang Zhi-Ping, Huang Hong-Sheng, Kagami Tomohisa, Jozie Lu, Janel Tsai, Bernice Tsai, Wu Jun-Qiang, Bryant Chang, Shang Hao-Xiang, Chen Ruo-Yi, Wang Hue, Jane Wang, Hong Jiao-Nang, Zhang Hao-Ming, Alexia Kao, Guo Ching-Chun, Xiang Bo-Tao, Xu Qiong-Yun

Und wie gefällt Euch die Serie?

Cover-Quelle: movie.douban.com

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s