Film | McDull, Prince De La Bun (Hongkong, 2004)

McDull, Prince De La BunMcDull, das kultige Zeichentrickschweinchen aus Hongkong, ist zurück. Diesmal erzählt ihm seine Mutter die Geschichte eines Prinzen, der in Hongkong verloren gegangen ist. Es ist die Geschichte seines Vaters. Und die gestaltet sich märchenhaft, niedlich, surreal und auf den zweiten Blick ganz und gar nicht kindisch. Denn der Kinderfilm spricht ganz klar Erwachsenenthemen an. Eine intelligente Parabel über ein Leben in Hongkong.

McDull, Prince De La Bun
麥兜,菠蘿油王子

Jedes Mal, wenn mir das zweidimensional gezeichnete Schweinchen aus Hongkong über den Weg gelaufen ist, habe ich mich gewundert, warum ein so simpler Kinderfilm immer so gut bewertet wird. Als ich dann McDull: Pork Of Music (2012) gesehen habe, ist mir klar geworden: zauberhaft. Und vor allem: gar nicht so simpel. Erst McDull, Prince De La Bun, Gegenstand dieser Rezension, hat mich allerdings so richtig gefesselt.

Der zweite Teil rund um das Zeichentrickschweinchen aus Hongkong ist vielleicht der beste der Reihe. Verträumt, fantastisch, trist, realistisch, episodenhaft und kryptisch – mit diesen Adjektiven lässt sich McDull, Prince De La Bun wahrscheinlich am besten beschreiben. Und trotz Knuffigkeitscharakter und antropomorpher Tiere, die noch in den Kindergarten gehen, richtet sich der Film ganz klar an eine bestimmte Zielgruppe: Erwachsene.

Als sich McDulls alleinerziehende Mutter ein Grab für die Zukunft reservieren lässt, bricht McDull in Tränen aus. Deshalb erzählt ihm seine Mama eine Geschichte: die Geschichte von Prince de la Bun, einem Prinzen, der im fantastischen Reich Hongkong lebt. Doch als er erwachsen ist, findet er sich an einem tristen Ort wieder. Vorbei ist es mit märchenhaften Abenteuern. Stattdessen muss er täglich den Wok schwingen, um sein Leben in der Unterschicht finanzieren können. Kurz vor seiner Hochzeit mit einem gewöhnlichen Mädchen besinnt er sich seiner Prinzenpflicht und verschwindet auf Nimmerwiedersehen.

Metaphorischer Kommentar auf das Leben in Hongkong

Dabei ist es nicht verwunderlich, dass der Prinz in jungen Jahren wie McDull aussieht. Es ist offensichtlich: der Prinz ist McDulls verschollener Vater in der Midlife-Crisis, das Mädchen McDulls junge Mama, das Märchen die Geschichte seiner Eltern. Das ist hoch metaphorisch und ein ebenso gelungener Kommentar auf das Leben in Hongkong jetzt und damals. Das wird noch dadurch verstärkt, dass im Jetzt ein Roboter im Auftrag der Stadterneuerung wahllos alte Häuser einreißt, bis von manchen Vierteln praktisch nichts mehr übrig ist.

Was für ein satirischer Hieb auf Hongkongs Gesellschaft, wenn die Kinder im Kindergarten stupide formelhafte Sätzchen für den Alltag nachsprechen müssen, ohne diese hinterfragen zu dürfen, oder wenn die Mutter McDull erklärt, dass er noch viel lernen muss, wie zum Beispiel Klopapier benutzen oder Versicherungen kaufen.

Hongkong ist dabei das schillernde Paradies, in dem einem alles passieren kann, ob man nun auf Typen mit Pizzaköpfen oder leckere Danta mit Beinchen trifft oder der Containerhafen zum magischen Rummelplatz wird. Hongkong ist aber auch der Ort der verlorenen Hoffnungen, eine Stadt, in der man täglich ums Überleben kämpfen muss, in der kein Platz ist für Sentimentalitäten und Nostalgie. Jeder ist selbst dafür verantwortlich, aus seinem Schicksal das Beste zu machen.

Ein Kinderfilm für Erwachsene

Ein Kinderfilm ist McDull, Prince De La Bun durch all diese Themen nur bedingt. Denn die triste Grundstimmung und die direkte Kritik am Hongkonger Leben sprechen eher uns Erwachsene an. Hinzu kommt eine überaus episodenhafte, rudimentäre Erzählweise, die zwischen Handlungssträngen und Zeiten springt, wie es ihr beliebt, und Logik als vernachlässigbar ansieht. Da bleibt viel Raum für Interpretationen, ob von den Machern nun gewollt oder nicht.

Die Mischung aus handgezeichneten Figuren und mit dem Computer bearbeiteten realen Hintergründen verleiht dem Film etwas Verträumtes, Hypnotisches. Dabei hilft auch die schöne musikalische Untermalung (u.a. preisgekrönte Songs von Hongkongs Indie-Band The Pancakes) und die surrealen Elemente (sinkende Schiffe, brennende Windmühlen, ein Schloss mitten im hässlichen Hochhausdschungel, ein schillernder Riesenfisch, Der kleine Prinz-Episoden), die McDull, Prince De La Bun zu einem nachdenklichen, hypnotischen Werk machen, das unter seiner so niedlich wie seltsam anmutenden Oberfläche echte Emotionen auszudrücken vermag.

Und: Obwohl der Grundtenor des Films eher trist wirkt, so schwingt doch auch immer etwas Positives mit; auch in einer tristen Situation kann man noch versuchen, das Beste herauszuholen, oder, noch simpler, eben doch ganz naiv hoffen dürfen. Schau nach vorn, nicht zurück! Kein schlechtes Motto eigentlich, nur für Kinder wohl kaum aus dem originellen Zeichentrickfilmchen herauszulesen.

Fazit

Gewiss, in erster Linie ist McDull, Prince De La Bun ein Kinderfilm. Aber schnell sollte klar werden, dass der Film mit all seinen Merkwürdigkeiten und seiner kryptischen Erzählweise eher die Erwachsenen anspricht. Ein Leben in Hongkong mag seine Schwächen haben, aber ein Leben in Hongkong kann ebenso in Ordnung sein – und das auch, wenn man nicht zu den oberen Zehntausend gehört. Diese Stimmung, dieses Leben in Hongkong mit all seinen Höhen und Tiefen hat Toe Yuen und sein Team perfekt eingefangen.

Dass es die Macher ernst meinen merkt man auch an der Vertonung: Die Kinder wurden endlich mal von echten Kindern synchronisiert, die anderen Figuren werden im Original von Hongkongs Schauspielgrößen wie Anthony Wong oder Andy Lau vertont.

Und noch was: Ausgerechnet ein kindlicher Zeichentrickfilm über ein dussliges Schweinchen trifft das Leben in Hongkong besser als 90% der aktuellen Realfilme. Das könnte einem zu denken geben.

© Shaoshi, 7. August 2013
8/10

Und wie gefällt Euch der Film?

麥兜,菠蘿油王子
Hongkong • 2004 • 73 Min • Satire [Zeichentrick]
Regie | Toe Yuen Kin-To

Cover-Quelle: movie.douban.com

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