Filmkritik | L For Love, L For Lies (Hongkong, 2008)

L For Love L For Lies

L For Love, L For Lies
我的最愛

Hongkong-Regisseur und Drehbuchautor Patrick Kong macht ja keinen Hehl daraus, dass er Romanzen ziemlich scheiße findet. Und weil er sie so scheiße findet, macht er das immer wieder zum Hauptthema seiner Filme. In seinem vierten Film L For Love, L For Lies sind verkorkste Beziehungen gleich auf verschiedene Weise Programm. Man könnte Patrick Kong nun zugute halten, dass er sich aus dem Einheitsbrei abhebt und keine generierten, vorhersehbaren, zuckersüßen Romanzen dreht, mit denen der Markt so gerne überschwemmt wird. Man könnte sich sogar darüber freuen, dass Kong das Thema Liebe weitaus zynischer und düsterer angeht als seine Kollegen. Nur leider ist das noch lange nicht die Garantie, dass eine so zynische Sichtweise gleich einen guten Film macht.

»Glück bedeutet nur den Beginn eines Alptraums«, sagt eine Figur mal im Laufe des Films. Und da, wo andere Filme aufhören (Happy End), beginnt L For Love, L For Lies seinen alptraumhaften Strudel, der alle ins beziehungstechnische Verderben stürzen soll. So ist die naive Bobo (Stephy Tang) zu Beginn glücklich, mit ihrem festen Freund Chun (Stephen Wong) ein beliebtes Dessert-Café zu führen. Dann aber betrügt Chun sie mit Bobos biestiger Kindheitsfreundin Kiki (Alice Tzeng), die ihr zuletzt nicht nur den Freund ausspannt sondern auch noch das Dessert-Café wegnimmt. Bobo ist am Boden zerstört, hat sie doch nun nichts mehr von dem, was ihr einst wichtig war. Sie sinnt nach Rache und bezahlt dem »professionellen« Betrüger Henry (Alex Fong) eine horrende Summe, damit er sich an Kiki rächt. Henry, der in seinem Leben schon so manche Frau betrogen hat, denkt zwar immer nur an den eigenen Profit, will Bobo dann aber doch helfen. Außerdem beginnt es zwischen den beiden langsam zu knistern, doch als Kiki scheinbar Henrys Plan durchschaut und stattdessen von ihm verlangt, gegen entsprechende Bezahlung lieber noch einmal Bobo ein Schnippchen zu schlagen, willigt Henry ein. Währenddessen hat Bobos Freundin Mon (Leila Tong) ihre eigenen Beziehungsprobleme. Weil sie so ein keifender Kontrollfreak ist, wendet sich ihr Freund Fung (Terry Wu) im Geheimen von ihr ab und bandelt mit der sexy Mandy (Miki Yeung) an, die zwar in einer festen Beziehung mit einem weitaus älteren, dafür reichen Herrn steckt, Fung aber trotzdem gern als Backup-Freund hätte. Fung ist von Mandy natürlich schnell so betört und von der launischen Mon angewidert, dass er gern mehr als nur eine heimliche Affäre mit Mandy haben würde.

Man sieht schon, worauf L For Love, L For Lies hinaus will. Mehr Lügen denn Liebe wirft der Film einen Haufen gutaussehender Stars aus Hongkong (und als Ausnahme Taiwan-Star Alice Tzeng) zusammen, die alle verkorkste Figuren mit zwei Gesichtern porträtieren müssen. Mit Ausnahme von Stephy Tang natürlich, die das Unschuldslamm in Person geben muss, so naiv, unschuldig, kindlich und leichtgläubig ihr Charakter Bobo durch den Film stapfen muss. Dafür ist sie zwar die einzige, für die der Zuschauer gewisse Sympathien hegt, aber in dem Chaos der anderen hinterhältigen, verführerischen Zicken und schwanzgesteuerten Männer widert sie in ihrer Jungfräulichkeit beinahe schon wieder an. Was nicht heißt, dass die anderen egoistischen Gefühlstrampel irgendwie besser wegkommen würden. Die Figuren sind nur so durch und durch schlecht, dass man einem jeden einzelnen Syphilis an den Schritt wünscht. Selbst Henry, der zwar zu spät aber zumindest überhaupt einsieht, dass er sich vielleicht ändern sollte, ist kein netter Typ. Das Dreamteam-Gespann Alex Fong und Stephy Tang will also auch nicht so recht funktionieren.

Wenn ein Film also von durch die Bank unsympathischen Figuren getragen wird, von denen 90% auch noch unmoralische Dinge und 10% idiotische Dinge tun (Rache gegen Bezahlung), kann er kaum zum Highlight werden. Kong bemüht sich zwar, intelligent zu inszenieren und montiert auch ein paar Rückblenden und Zeitsprünge, versäumt es aber seinem Film Tiefe zu geben. Bei so vielen heimlichen Affären erwartet man eigentlich auch viel Erotik und nackte Haut, doch die wird außen vorgelassen. Bettszenen sind so angedeutet wie in einem Disney-Film und Haut sieht man höchstens, weil Miki Yeung gern in Hotpants durch das nächtliche Hongkong stöckelt. Auch in den einzelnen Beziehungen sieht es nie so aus, als wäre so etwas wie Liebe im Spiel. Warum Bobo und Chun jemals ein so glückliches Paar waren, ist ein Rätsel, und bei Mon und Fung ist es noch viel fraglicher, da Mon als die ewig keifende Tante dargestellt ist, mit der es niemand länger als zwei Stunden aushalten würde, und Fung ist ja auch nur so von Mandy angezogen, weil die ihren Luxuskörper in Szene zu setzen weiß und welche wiederum ihren reichen Verlobten nur des Geldes wegen gut findet. Auch Henry bleibt ein unergründlicher düsterer Charakter, der für Geld einen jeden betrügen würde und deshalb eigentlich auch nicht als perfekter Partner für Bobo in Frage kommt. Trotzdem tut L For Love, L For Lies lange Zeit so, als würde aber genau das passieren, nur um am Ende noch einmal eine eventuell unvorhergesehene Wendung zu nehmen.

Insgesamt ist L For Love, L For Lies auch sehr ernst erzählt. Nur eine Szene, in der Wong Cho-Lam als geisteskranker Kredithai auf den Plan tritt, sorgt für eine witzige Comedy-Einlage, die nur leider überhaupt nicht in den Film passt. So ist Patrick Kongs Werk auch keine stimmige Sache. Überhaupt ist es mitunter schwierig, dem Treiben zu folgen, was auch daran liegt, dass noch viele (betrogene) Randfiguren auftauchen und sich einige auch noch ziemlich ähnlich sehen. Auch die Beweggründe der Figuren sind etwas zu oberflächlich geblieben. So ist es auch schwer L For Love, L For Lies in ein Genre zu packen. Richtiges Drama scheint es nicht zu sein und für einen Liebesthriller ist der Film wiederum nicht spannend oder psychologisch dicht genug. Weshalb man dann auch die meiste Zeit vor der Mattscheibe hockt und sich fragt, was uns Kong mit seinem verkorksten Liebesreigen da eigentlich mitteilen möchte. Dass er Liebe scheiße findet, haben wir ja ziemlich schnell begriffen. Weshalb man unter der Oberfläche nach einem tieferen Sinn sucht—und nicht findet. Denn Kong scheint das Verhalten der Figuren nicht großartig zu werten und hält sich auch darüber bedeckt, ob er ein realistisches Bild von Hongkongs moderner Gesellschaft und deren Beziehungen zeichnen will.

L For Love, L For Lies ist die reinste Zeitverschwendung. Selten sieht man so viele unsympathische Figuren in einem Film (wobei die Darsteller ihre Arbeit nicht einmal unbedingt schlecht machen) und wird von Lügen in Beziehungen, heimlichen Affären und genereller Widerwärtigkeit so erschlagen wie hier. Einen tieferen Sinn scheint das alles auch nicht zu haben, so dass die Schlusspointe, als Bobo und Mon auf ihre neuen Männer warten, auch nicht mehr überraschend kommt. Überhaupt wirkt der Film so, als wäre Regisseur Patrick Kong in einer Beziehung einmal tief verletzt worden und muss dieses Trauma gleich in mehreren Filmen aufarbeiten. Vielleicht wäre es besser gewesen, wenn Kong statt Drehbüchern einfach geheime Tagebücher geschrieben hätte. Uns wäre einiges erspart geblieben.

© Shaoshi, 9. November 2010
6/10

Und wie gefällt Euch der Film?

我的最愛 | Ngor Dik Dzui Oi
Hongkong • 2008 • 101 Min • Drama
Regie | Patrick Kong (Yip Lim-Sum)
Drehbuch | Patrick Kong (Yip Lim-Sum)
Darsteller | Stephy Tang Lai-Yun, Alex Fong Lik-Sun, Terry Wu Ching-Lam, Miki Yeung Oi-Gan, Alice Tzeng, Leila Tong Ling, Stephen Wong Ka-Lok, Linda Chung Ka-Yan, Kara Hui Ying-Hung, Sammy Leung Chi-Kin, Power Chan Kwok-Bong, Kayle Kwan Ji-Tung, Jacky Wu, Wong Cho-Lam, Natalie Tong Sze-Wing, Mimi Chu Mi-Mi, Suki Chui Suk-Man, William So Wing-Hong, Angela Au Man-Si, Joey Leung Cho-Yiu

Cover-Quelle: movie.douban.com
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