Film | Sex And The Beauties (Hongkong, 2004)

Sex And The BeautiesEine Psychotherapeutin, die selbst keine Beziehung auf die Reihe bekommt. Eine schwer vermittelbare, da potthässliche Tochter. Eine zynische Erotikbuchautorin. Eine furchtlose Draufgängerin. Ein verweichlichter Triadenboss. Ein viel zu junges Mannsbild. Hui Siu-Hung. Soll Wong Jings Komödie Sex And The Beauties allen Ernstes die chinesische Antwort auf die US-Hit-Serie Sex And The City sein? Und wo, bitte, bleibt die Handlung? (mehr …)

Film | Flüstern des Meeres – Ocean Waves (Japan, 1993)

Ocean Waves - Flüstern des MeeresRikako, die Neue auf der Provinzschule, bleibt Außenseiterin. Und doch stellt sie die Freundschaft zweier Jungs hart auf die Probe. Denn der eine ist in sie verliebt, den anderen bittet sie um Hilfe. Tomomichi Mochizukis Animé-Drama Flüstern des Meeres ist ein unaufgeregtes Jugenddrama, in dem authentische Figuren zwar keine nennenswerten Abenteuer, aber ihre ganz eigenen Probleme zu meistern haben. (mehr …)

Buchkritik | Torte mit Stäbchen (Susanne Hornfeck)

Ich habe diese saublöde Angewohnheit, besonders interessante Bücher besonders lange aufzusparen. Und so kam es, dass Susanne Hornfecks Roman Torte mit Stäbchen über ein Jahr lang ungelesen im Regal stand. Damit ist jetzt Schluss. Ich habe den Roman über das Shanghaier Ghetto endlich gelesen und bin dann gleich vor Ort auf den Spuren der Juden gewandelt (siehe mein Artikel in meinem Shanghai-Blog).

Susanne Hornfeck - Torte mit Stäbchen

Im Zweiten Weltkrieg flohen rund 20.000 deutsche und österreichische Juden nach Shanghai, wo sie unter primitivsten Bedingungen im Ghetto ums Überleben kämpfen mussten. Ursula Krechel hat die beinahe vergessene Episode, gestützt auf Tatsachenberichte, in ihrem vielgelobten Roman Fern von wo aufgearbeitet. Und Susanne Hornfeck? Die nimmt sich in ihrem Jugendroman Torte mit Stäbchen ebenfalls dem Schicksal der Juden an und arbeitet den Stoff aus Fern von wo kindgerecht auf. Vorbildlich!

Manche kennen Inge Finkelstein aus Brandenburg vielleicht aus dem Vorgängerroman Ina aus China. In diesem wurde die kleine Ina in den Dreißiger Jahren nach Deutschland geschickt, wo sie sich mit einer ihr fremden Kultur vertraut machen musste. Nun sind die Rollen vertauscht. Ihre Freundin Inge muss nämlich nur wenige Jahre später mit ihrer Mutter und ihrem jüdischen Vater nach Shanghai fliehen, einem der wenigen Orte auf der Welt, die den Juden noch Zutritt gewähren. Jetzt ist es an Inge, sich in einer fremden Kultur zurechtzufinden und in der Ferne ein neues Leben aufzubauen.

Die anfangs zehnjährige Inge findet in der jüdischen Schule ihrer neuen Heimat keinen Anschluss, lässt den Kopf aber nicht hängen. Denn ihr Vater arbeitet inzwischen bei einem deutschen Bäcker, dessen Sohn Sanmao zwischen der deutschen und chinesischen Kultur steht und bald zu Inges bestem Freund (und vielleicht mehr?) avanciert. Trotzdem kann das Leben in Shanghai ganz schön hart sein. Denn auch hier greift der Krieg um sich und die Juden werden von den Japanern auf Anweisung der Nazis in einem Ghetto im Stadtteil Hongkou zusammengepfercht, wo sie fortan ums Überleben kämpfen müssen. Und dann ist da ja auch noch die Frage nach dem Danach. Die Eltern, die ihre Schwierigkeiten mit der Anpassung haben, wollen auf keinen Fall in Shanghai bleiben, Inge hat sich dagegen völlig auf China eingeschossen. Was tun? Und was sind das eigentlich für komische Gefühle, die die heranwachsende Inge für Sanmao empfindet?

Sofort fällt positiv auf, dass die historischen Begebenheiten und die damaligen Umstände in Shanghai sehr gut recherchiert wirken. Die Erwähnung von Örtlichkeiten, Bräuchen, Persönlichkeiten und die angerissenen politischen Wirren wirken allesamt schlüssig und fundiert. Zudem gelingt es Susanne Hornfeck vortrefflich, die fremde chinesische Kultur als etwas Erlebenswertes darzustellen, ohne dabei auf verklärte Schönmalerei, schockierende Schwarzmalerei, unnötige Übertreibungen oder ewige Vergleiche zurückgreifen zu müssen. Das Bild vom Shanghai der 30er und 40er Jahre wirkt realistisch und lebendig, ob es nun das Leben in den internationalen Konzessionen oder das Leben der Armen im jüdischen Ghetto betrifft. Das Schicksal der Juden ist dabei aus Sicht eines jungen Mädchens geschildert, das kaum begreift, warum sie Deutschland verlassen musste oder warum ihr Vater so verschlossen ist, seit er aus einem Lager in Deutschland freikam. Erst nach und nach erfährt Inge von dem Wahnsinn, der in ihrer Heimat um sich greift, und was ihr Vater tatsächlich durchmachen musste.

Neben dem harten Leben im Exil thematisiert Hornfeck aber auch allgemeingültige Probleme, die sich in jeder Zeit finden. Sie geht der Frage nach Freundschaft und erster Liebe genauso nach wie der Frage nach Heimat und Identität. Zu Zeiten der Globalisierung sind natürlich auch Themen wie Kulturschock, Integration, dem Sitzen zwischen den Kulturen und das Sich-Behaupten und Einleben in einer fremden Umgebung hochaktuell. Besonders toll: Hornfeck schafft es, ihren jungen Lesern ohne erhobenen Zeigefinger zu vermitteln, wie wichtig es ist, anderen Kulturen gegenüber aufgeschlossen zu sein und die Sprache der Wahlheimat zu lernen, dass Verständnis und Toleranz der Schlüssel zu Integration sind. Und Integration ist für die junge Inge ein Leichtes. Sie geht mit offenen Augen und einem offenen Herzen durch die Welt, sie beißt sich in jeder noch so ausweglosen Situation durch, bleibt optimistisch und ist dabei auch kindgerecht frech und neugierig.

Kleine Abzüge gibt es trotzdem und da ist leider auch die so starke Hauptfigur schuld. Denn Inge ist in allem, was sie tut, fast schon zu gut. So weiß sie dank Inas Erzählungen von Anfang an mehr über China als die Erwachsenen, sie spricht schon vor der Überfahrt nach Shanghai Chinesisch – nur ein paar Floskeln zwar, doch wirken die im Buch, als spräche sie fließend Chinesisch – und hat keinerlei Anpassungsschwierigkeiten. Das ist doch ziemlich unrealistisch, denn etwas aus Erzählungen hören und selbst erleben sind genauso zwei Paar Schuhe wie Chinesisch lernen und sich tatsächlich auf Chinesisch verständigen können. Gerade auch, wenn man bedenkt, dass die Kluft zwischen Deutschland und China zur damaligen Zeit noch größer gewesen sein dürfte als heute und man das ferne Land noch weniger kannte und verstand. Stellenweise wirkt es dann auch noch so, als wolle Hornfeck in den altklugen Monologen ihrer Figuren sämtliche Infos herunterleiern, die von der Recherche noch übrig waren und nicht anders in das Buch gepasst hätten.

Insgesamt ist Torte mit Stäbchen ein schönes Leseerlebnis. Für Kinder und Jugendliche ist der Roman eine gute Gelegenheit nicht nur über das wenig bekannte jüdische Exil in Shanghai zu lernen, sondern auch (vielleicht erste?) Kontakte mit der chinesischen Kultur zu knüpfen. Die aktuellen, allgmeingültigen Themen vor einem historischen Hintergrund ergeben eine gelungene Mischung, die ebenso lehrreich wie einfühlsam und unterhaltsam sind. Obwohl sich der Roman an sehr junge Leser richtet, ist das Buch auch für Erwachsene interessant. Torte mit Stäbchen eignet sich also als Leseerlebnis für die ganze Familie – und so ist es vermutlich auch am besten. Gerade wenn jüngere Leser noch nichts über das Schicksal der Juden und den Zweiten Weltkrieg wissen, sollten Eltern ihren Kindern hier ein wenig nachhelfen. Ab einem bestimmten Alter wünscht man sich vermutlich trotzdem eine etwas schonungslosere Auseinandersetzung mit dem Thema. Für diese Leser wäre dann wohl Ursula Krechels Fern von wo die bessere Wahl.

© Shaoshi, 31. März 2014
8/10

Susanne Hornfeck
Torte mit Stäbchen
dtv, 2012, 377 Seiten
ISBN: 978-3-423-62500-5

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